Liebe

Menschenleid

Sie sterben, die Vögel, nach ihrer letzten Reise in den Süden.
Manche schaffen es nicht. Zu beschwerlich, der Flug.
Der Wind, ihr Geleit. Wohin gehen sie? Kennen sie den Himmel doch bereits.

Sie fallen, die Blätter. Ihre Lebenszeit so kurz, die Blüte
verflog. Sie sterben, die Blätter. Der Baum lässt sie los.
Die Erde, auf die sie fallen, ist, was von ihnen bleiben wird.

Sie wollen nicht loslassen, die Menschen. Wissen sie doch, sie haben keine Wahl.
Es quält der Gedanke an die eigene Endlichkeit, die Gesunden, die Kranken.
Sorgen bereitet der letzte Gang, den Jungen, den Alten, den Reichen und den Armen.

Sie hoffen, auf ein Leben nach dem Tode, beten, dass dies hier nicht alles war.
Aufhören, nein, das wollen sie nicht. Zum Alptraum wird ihr Dasein, sich geißelnd mit der Frage nach dem „Wann?“.

Sie klagen, wenn es Ihre Liebsten trifft, sie schreien und toben. Fast niemals ist es genug Zeit. Wie könnte es auch genug sein, wollen sie doch noch mehr lieben, geliebt werden.
Der Menschen Leid, das Ende des Lebens, unvorstellbar und unbegreiflich.
Während sie ihr Leben nicht mit seiner Endlichkeit füllen sollten, wie können sie anders, als sich zu fürchten. Haben sie doch so viel zu verlieren.
Denn genau das ist ihnen so bewusst.

Versprich mein nicht!

„Versprich mir, dass wir für immer Freunde bleiben“, sagte Larissa mit einem breiten Grinsen an jenem Tag am See. Ich erinnere mich so gut an jenen Moment, weil er etwas Besonderes war. Der Tag war einer der schönsten in diesem Sommer.
Warum hätte man diesen Tag mit einem Versprechen verändern sollen, dachte ich damals.
Heute weiß ich, warum mir das Versprechen unnötig vorgekommen war.
All die Jahre später sitzen Larissa und ich am Flughafen. Auf zu unserer Weltreise. Eben jener, von denen wir schon träumten, als wir noch kleine Mädchen waren.

„Versprich mir, dass Du niemals aufhören wirst, mich zu lieben“, hörte ich die Freundin meines Bruders flüstern. Sie waren gerade auf dem Weg auszugehen, an diesem lauen Sommerabend. Ich saß auf meiner Fensterbank und hatte das Gespräch zufällig belauscht.
„Nun versprich es schon“, bohrte sie.
„Ich verspreche es“, murrte er zurück.
Die Trümmer jener Beziehung, die mein Bruder geführt hatte, flogen um unser aller Ohren.
Unser Zuhause, ein Schlachtfeld. Die Liebe, die Versprochene, sie war nicht mehr.

Alle Welt sagt: „Sei vorsichtig, was Du versprichst, denn Versprechen muss man halten.“

Ja richtig, man muss sie halten.

Indianerehrenwort.
Außerdem haben Lügen die kürzesten Beine.

Ich sage: „Was wahr ist, muss nicht versprochen werden.“

Abschied

Der Tag rückt näher, die Angst wird übermächtig,
der große Abschied naht, wenn es doch etwas gäbe, ihn zu vermeiden, irgendwas.

Du musst gehen, ich Dich gehen lassen. Sehe mich schon am Gleis stehen,
winkend, der Zug nimmt Fahrt auf, mit einer meiner Lieben darin.

Noch ist es nicht so weit, tröste ich mich, wir haben noch Zeit,
nicht viel, denn die Stunden verfliegen wie in Lichtgeschwindigkeit.

Mein Herz ist schwer, wohin mit meiner Wut und meinem Schmerz,
wer trägt die Verantwortung? Warum bleibst Du nicht einfach?

Der Tag ist gekommen und der Morgen viel zu früh und kalt, ich sehe Dich an,
wie Du schläfst, betrachte Dich und frage mich, wann Du wieder bei mir sein wirst.

Egoistisch bin ich, denke nur an mich, daran, dass Du mein bist, die Welt,
in die Du zurückgehen musst, eine dunkle Stadt, ohne Lichter.

Dein Erwachen reißt mich aus meinen Gedanken,
Dein Lächeln, meine Droge, ohne die ich nicht sein will,
Deine Umarmung, Deine Küsse, alles an Dir holt mich zurück, zurück aus der Dunkelheit.

Tränen laufen über mein Gesicht, ich sehe, dass auch Du gerne weinen würdest,
doch Du küsst mich.
Meine Hände zittern, wollen Dich nicht loslassen, niemals.

„Kein Abschied in Liebe, kann je für immer sein, mein Schatz“, flüsterst Du in mein Ohr und ich sage: „Ja, auch wenn es auf dieser Welt keinen Ort mehr gibt für uns, so gibt es dennoch einen, irgendwo, für unsere Liebe“.

Der Zug nimmt Fahrt auf und ich winke, werde schmerzlich leiden, bis Du wieder bei mir bist, irgendwann. Lächelnd trete ich den Heimweg an, in das Zuhause, das unser ist, wissend, dass es die Liebe ist, die uns Heimat bietet.

60 Sekunden

60 Sekunden jeder Minute liebe ich Dich.
Jeder Herzschlag sagt: „Ich vermisse Dich unendlich“.
60 Sekunden jeder Minute denke ich nur an Dich.

60 Minuten jeder Stunde wünschte ich, ich wäre nicht hier, ohne Dich.
Jeden meiner Atemzüge nehme ich in dem Glauben, dass es einmal besser sein wird.
60 Minuten jeder Stunde bist Du alles, was zählt für mich.

24 Stunden jedes Tages suche ich nach dem Weg, dem Licht, dass uns aus der Dunkelheit führt. Jeden meiner Schritte gehe ich, weil ich glaube, er bringt uns dorthin.
24 Stunden jedes Tages ist unser Ziel das meine.

7 Tage jeder Woche danke ich im Stillen, dass ich Dich fand, dafür, dass mein Wille nicht bricht.
Jedes meiner Gebete ist ein Gebet für Dich.
7 Tage jeder Woche bist Du mein Anker, meine Hoffnung und mein größtes Leid.

4 Wochen jedes Monats werde ich geliebt von Dir.
Jedes Gefühl in mir ist verbunden mit Dir und Deiner Liebe.
4 Wochen jedes Monats, in denen ich weiß, niemand hat mich je mehr geliebt.

12 Monate jedes Jahres sehe ich Dich, wie Du bist.
Jede Facette von Dir gehört zu mir. Die Guten und die Schlechten.
12 Monate jedes Jahres bist Du mein und ich Dein.

Ein Leben.
Eine Ewigkeit.
Eine Liebe.

 

Ist das Kunst? – Warum Kunst gleich Liebe ist

„Das ist doch hässlich, wie die Nacht“, platzte es aus Timo heraus, als er das Bild, das sein kleiner Bruder gemalt hatte, am Kühlschrank sah.
„Timo, sei nicht so gemein! Dein Bruder ist sehr kreativ. Wir möchten ihn fördern“, sagte seine Mutter streng. Das Bild zeigte ein Stillleben, wie es verstörender nicht sein konnte. Dennoch würde
es für Jahre genau an dieser Stelle am Kühlschrank hängen. Dessen war sich Timo bewusst.

„Es ist- ja, Tatjana, es ist wunderschön. Vielen Dank!“ sagte Elisa zu ihrer Freundin.
Sie steckte fest verschnürt in dem eigens für sie genähten Abendkleid.
Das Kleid war bezaubernd. Würde man aus dem vorletzten Jahrhundert stammen.
Elisa suchte noch nach einem Weg, ihrer Freundin begreiflich zu machen, dass
minimale Veränderungen es zu einem noch schöneren Werk machen würden.
Sie bewunderte ihr Talent ganz aufrichtig. Die Geste ihrer Freundin rührte sie von ganzem Herzen.

„Manche Deiner Texte sind schwer verständlich“, sagte meine Mutter.
Die Tatsache, dass sie bewundert, was ich tue und meine Arbeit stetig verfolgt,
ist genug Lob für mich. Mir ist bewusst, dass nicht jedes Werk den Applaus derselben Menschen ernten kann. Nicht alles was wir schaffen, ist für alle, die uns lieben, geschaffen.

Das Anerkennen der Kunst als solche, ist Liebe pur.
Liebe von denen, die Dich von Herzen lieben.
Liebe von denen, die Dich nicht einmal kennen.
Ist die objektive Meinung über Werke der Kunst, die einzig wahre?
Sicher ist sie jene, die am authentischsten ist.
Ganz sicher jedoch, ist es die Liebe seiner Liebsten, die den Künstler auf den Weg bringt.
Auf dem Weg, Menschen zu verzaubern, die nichts von seinem Zauber wissen.
Jene, die ihm applaudieren, für das, was er schuf. Allein dafür.

Stark

„Du musst stark sein“, sagen viele.
„Ich zeige Dir wie“, die Seltenheit.
„Steh auf, wenn Du am Boden bist“, die Parole derjenigen, die stehen.
„Hier, nimm‘ meine Hand. Beim nächsten Mal schaffst Du es allein“, ist rar.

Stark wird man nicht geboren, man wird stark geliebt.
Stark wird man, wenn man weiß, dass Zuhause immer zuhause sein wird.
Egal, was geschieht.

Stark ist der, der starke Vorbilder hat.
Menschen, die wieder aufstehen, zurück auf ihren Weg.
Stark ist derjenige, der auch Schwäche zeigen kann.

Stark sein bedeutet, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen.
Sie nicht zu ignorieren, mögen sie auch unbequem sein.
Stark sein bedeutet, auch derjenige sein zu können, der das Unangenehme ausspricht.

Zu wissen, man wird geliebt. Von den Menschen, die einem die Liebsten sind.
Das Gefühl, dass nicht jeder Dein Freund sein muss. Nicht einmal sein sollte.
Die Gewissheit, dass auf Regen Sonnenschein folgt.
Vertrauen in das, was man leisten kann.

Stark ist der, der kämpfen kann, wenn er muss.
Stärker ist der, der weiß, wofür er kämpft.
Am stärksten ist jener, der weiß, wann es einen Kampf zu vermeiden gilt.

Dich lieben

Bereits im Traum, da war es mir klar,
die Augen fest verschlossen, wusste ich,
der Moment war vorüber.
Das Zeitfenster, in dem ich versucht hatte,
Dich zu lieben.

Jahre waren vergangen, in denen ich
in Deine Augen blickte. Stundenlang.
Konnte es nicht sehen, die Liebe.
Sollte dort nicht Feuer sein?
Der Funke, er wollte nicht zünden.

Nur Sekunden waren es,
in denen ich beinahe sicher war,
ich könnte es tun: Dich lieben.
Erinnerungen, die verblassten.
Zu farblos, um zu bleiben,
ihre Spuren zu hinterlassen.

In meinem Kopf rauschte es.
Da musste ein Weg sein,
meine Orientierung aber,
sie war verloren.
Verloren wie die Liebe zu Dir.

War sie für immer fort?
Nächtelang sah ich die Schatten tanzen.
An der Decke über meinem Bett,
in meinem Herzen.
Schlug es noch?

Meine Hand fuhr über die glatte Oberfläche,
wischte den Staub weg, der sie bedeckte.
Ich starrte Dich an: Mein Spiegelbild.
Die Reflexion so verschmutzt,
Tränen unsichtbar.

Den Blick abgewandt.
Der Spiegel verdeckt.
Die Liebe fehlt.

Und dennoch sagte ich mir:
„Irgendwann.“

Nichts zu verschenken?

„Wir haben alle nichts zu verschenken, Micha“, klingelte die Stimme seines Vaters in seinen Ohren.
Micha fragte sich oft, ob das der Wahrheit entsprach. Das tat er oft, nachdem sein Vater verstorben war. Dass er ihn solange er gesund war, niemals in seinen Aussagen hinterfragt hatte, bereute er jetzt beinahe täglich. Sie hatten nie ein inniges Verhältnis gehabt und damit hatten beide ihren Frieden gemacht.
Allerdings beschäftigten einige Aussagen seines Vaters ihn nachhaltig. Die Antworten waren verloren.

Die U-Bahn, auf die er seit beinahe zehn Minuten wartete, kam vor ihm zum Stehen. Da Micha nicht zu den Dränglern gehörte, die schon vor Ausstieg der anderen Fahrgäste die Türen blockierten, wartete er ein paar Sekunden, bis diese den Bahnsteig verlassen hatten. Er suchte einen Platz in Fahrtrichtung und kramte in seiner Jackentasche nach seinen Kopfhörern. Panik machte sich in ihm breit, als er sie nicht fand. Eine 20-minütige U-Bahn-Fahrt ohne Musik? Das war einer seiner persönlichen Albträume, abgesehen von denen, die ihn täglich verfolgten und die ihn nur selten aus ihren Klauen ließen. Nur für eine Weile, ein kleines bisschen traumloses in den Tag Hineinleben.
Die Kopfhörer waren nicht aufzufinden, und Micha starrte stur aus dem Fenster. Dort gab es nicht viel zu sehen.

Er hatte gar nicht bemerkt, dass eine ältere Dame neben ihm Platz genommen hatte.
Als er sich zu ihr wandte, lächelte sie warm, sagte aber nichts.
Micha lächelte zurück, zögerlich. Er selbst erschien sich künstlich. Zu bemüht. Er tat, was er konnte. Kurz darauf sah er wieder aus dem Fenster und merkte nicht, wie die Zeit verflog.
Seine Station war beinahe erreicht, da bemerkte er, dass die ältere Dame verschwunden war. Ihm war nicht mal aufgefallen, dass sie aufgestanden war. Auf ihrem Platz lag ein Umschlag.
Den musste sie verloren haben!
Micha griff sogleich danach, sprang auf und sah sich um. Er rannte von Abteil zu Abteil. Sie blieb verschwunden. Die Türen öffneten sich, der Zug hatte seine Endstation und Michas Ausstieg erreicht.
Er packte den Umschlag in seine Tasche, hoffte die Dame auf dem Nachhauseweg wiederzusehen.

Es war Samstag, der 23.12., Micha stand in seiner kleinen Küche und überlegte, was er noch einpacken sollte. Er war zum Skifahren verabredet und würde heute Abend mit Freunden zur angemieteten Hütte aufbrechen. Traumhafte Weihnachten. Schöner konnte er es nicht vorstellen. Als er nach seinen Fahrzeugpapieren suchte, fiel ihm der Umschlag der Dame aus der U-Bahn in die Hand. Er hatte sie seit diesem Tag nie wiedergesehen. ‚Sollte er ihn öffnen?‘ Micha beschloss, dass er lange genug gewartet hatte und öffnete den Umschlag vorsichtig.

Die Karte zeigte eine Sternschnuppe. Lächelnd klappte Micha die Karte auf und las:

Lieber Micha,
wir alle haben etwas zu Verschenken. Vergiss diesen Blödsinn!
Selbst einem Griesgram wie mir wurde ein wahnsinnig großes Geschenk gemacht:
Du, mein Sohn, warst mein größtes Geschenk und bist es noch.
Frohe Weihnachten.
Dein Papa

Traum

Hendrik rieb sich verwundert die Augen. Er blickte in einen Himmel voller Sterne.
Ein paar Sternschnuppen waren hier und da zu sehen. Er sah sich um und erkannte, dass dies wohl ein Traum war. War es?
Er saß auf einer Parkbank in einem Park, den er zuvor nie gesehen hatte.
Bis auf das Zirpen der Grillen war nichts zu hören. Langsam ließ Hendrik seinen Blick über die Wiesen vor ihm gleiten. Eine wunderschöne Gestalt bewegte sich langsam auf ihn zu.
Ein Engel? Sie winkte ihm lächelnd zu. „Bunny!“ rief er laut und sprang von der Parkbank.

„Hendrik“, sagte sie und breitete die Arme aus, als sie nur wenige Schritte von ihm entfernt war. „Ich habe Dich vermisst. Du warst lange nicht hier an unserem Platz.“
Er schloss sie in die Arme und atmete ihren Duft ein. Obwohl die Wiesen blühten, roch Bunny nach Zimtstangen. Hendriks liebster Duft.
„Komm, setzen wir uns“, sagte er und deutete mit der Hand auf die Parkbank.
So saßen sie da und blickten gemeinsam in die Sterne, und langsam griff Bunny nach seiner Hand. Er wagte es nicht sie anzusehen, zu sehr fürchtete er, der Moment, der Traum würde dadurch zerplatzen wie eine Seifenblase. Zu viele dieser Träume hatte er bereits gehabt.
Er wollte, dass dieser andauerte, so lange es nur ging.

„Bist du bereit über die Sache zu reden?“ fragte Bunny und drückte seine Hand fester.
„Was meinst Du, über was reden?“ gab Hendrik ehrlich verwundert zurück.
Er sah sie fragend an.
„Na, dass Du ganz offensichtlich Angst hast, mich zu verlieren.“
„Habe ich das nicht bereits, Dich verloren?“
„Wir sind jetzt zusammen, Hendrik. Beantworte Dir die Frage selbst.“
Als Worte nicht mehr genug waren, genau in dieser Sekunde, beugte sich Hendrik zur Seite, beide Hände umschlossen sanft Bunnys Gesicht, als er sie sanft küsste.
Der Moment flog nicht vorbei, er wurde immer intensiver, bis ihre Lippen sich langsam wieder voneinander entfernten und sie sich tief in die Augen sahen.
Bunnys Augen strahlten und Hendrik dachte, wie klischeehaft genau diese Beschreibung doch war. Verzaubert sah er sie an, bewunderte ihre Schönheit. Ohne Worte, bis sie das
Schweigen brach: „Ich wünschte, es könnte immer so sein, Hendrik. Jeden Tag“,
sagte sie leise und sah dabei in den Himmel. Ihre Augen folgten einer Sternschnuppe, die genau in jenem Moment ihren Weg über den Himmel beschrieb.

Ein lautes Klopfen ließ Hendrik hochfahren. Seine Seifenblase zerplatzte.
„Hey, hey Junge! Solltest Du nicht auf dem Weg nach Hause sein?“, fragte ihn der Mann, den er als Hausmeister der Klinik erkannte. Dabei musterte er ihn durch das Beifahrerfenster von Hendriks Wagen.
„Du verschläfst noch deinen freien Abend“, setzte er nach.
Hendrik sah ihn mit erstaunter Miene an: „Ja, ja, bin schon weg. Versprochen, ich fahre gleich“, antwortete er noch immer erstaunt.
Mit einem Grummeln ging der Hausmeister seiner Wege, drehte sich aber nochmals lächelnd und kopfschüttelnd zu Hendrik um.

Hendriks erster Blick fiel auf sein Smartphone. Eine Reihe unbeantworteter Nachrichten waren dort und er nahm nicht an, dass er Lust hatte, diese zeitnah zu beantworten.
Am liebsten hätte er das Fenster geöffnet und das Gerät soweit über den Parkplatz geworfen, wie es nur möglich war. Er startete seinen Wagen und als er dabei war, sein Telefon in die vorgesehene Halterung zu stecken, sah er etwas, dass ihn zutiefst erschütterte. Das heutige Datum: 13.11.2017, 20:46 Uhr.

Traum oder Trauma?

Trauma

Als Hendrik seinen Wagen an diesem Abend in die Einfahrt lenkte, fragte er sich, ob in der Geschichte der Menschheit jemals ein Mensch einen schlimmeren Tag erlebt hatte.
Die Antwort, die das bestätigte, lag auf der Hand, offensichtlich aber nicht auf Hendriks Nachhauseweg. Es war nicht nur ein richtig schlimmer, es war ein furchtbarer Tag gewesen. Zudem dauerte er scheinbar zehnfach so lange wie alle anderen furchtbaren Tage seit Anbeginn der Menschheit.

Hendrik war Assistenzarzt in der Stadtklinik, und heute, am 14.11.2017, jagte ein Unglück das nächste. Die Notaufnahme war seit Wochen überfüllt gewesen. Pfleger rannten wild umher, um dem nächsten Assistenzarzt zu assistieren und sich sicherlich zu fragen, wer hier eigentlich der Profi war. Bunny war anders. Hendrik erinnerte sich, als er ihren Namen zum ersten Mal am Board im Flur gesehen hatte und wie er sich ein blondes Callgirl mit Hasenohren vorstellte. Tatsächlich war sie blond, aber nicht der Typ „Püppchen“, sondern eher der sportliche Typ. Ganz sicher aber war sie genau Hendriks Typ. Sie eilte die Gänge entlang wie ein Engel und während er von der Patientenakte aufsah, blinzelte sie ihm zuckersüß zu.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und der Moment ging so schnell vorüber, wie er gekommen war.

„Ein Großunglück in der Innenstadt“, brüllte ein Pfleger, der gerade den Hörer des Telefons aufgeschmettert hatte. „Ein Zug ist entgleist, es sind Hunderte verletzt und sicher die Hälfte kommt hier her, macht Euch bereit, Kollegen“, brüllte der Chefarzt, Dr. Lanz, energisch hinterher. Exakt ab jenem Moment, in dem die Flügeltüren der Notaufnahme aufflogen und die ersten Verletzten von Sanitätern hereingeschoben wurden, schien die Zeit stillzustehen. In Zeitlupe krochen die Minuten vorbei.

Die Erfolgsquote der Behandlungen bewegte sich auf einer 30/70 Ratio. Leider waren es nur 30 %, die Überlebten. Schwere Schädelbrüche und innere Verletzungen waren an diesem Tag der Gegner Nummer eins für Hendriks Team.
Verzweiflung und Hilflosigkeit schwebten in der Luft. Familienmitglieder und Freunde der Verletzten weinten in den Wartebereichen. Manche beteten.
„Es geht weiter, da kommen noch mehr. Raus mit Euch auf den Hof, Leute!“ rief Dr. Lanz in die geschäftige Menge aus Ärzten und Pflegern, und da Hendrik gerade frei war, lief er los.
Wie ein Retter gefangen in einem schlechten Horrorstreifen fühlte er sich, als die Flügeltüren sich öffneten und er auf den Innenhof, der von strahlender Sonne geflutet war, trat. Dort stand sie, Bunny. Gebeugt über eine Patientin, die offensichtlich verängstigt und in Panik war, streichelte sie den Arm der jungen Frau, als die Sanitäter sich langsam Richtung Notaufnahme in Bewegung setzten.

So langsam wie die Zeit zuvor dahin kroch, so schnell, mit aller Gewalt, reihten sich die nächsten Momente aneinander. Mit quietschenden Reifen fuhr ein Rettungswagen auf den Hof, offensichtlich unkontrolliert knallte er in die Gruppe Menschen, unter ihnen auch Bunny.
Alles geschah so schnell, so laut, als bebte der Boden, auf dem sie standen.
Teile der Rettungswagen flogen durch die Luft. Hendrik rannte sofort los, nachdem der Wagen oder was von ihm noch übrig war zum Stehen gekommen war.
Sein Herz schlug laut, kalter Schweiß rann ihm den Rücken hinab.
Konnte er sie noch retten?
Nach Erreichen der Unfallstelle erkannte Hendrik, dass die Chancen, die er sich soeben noch ausgerechnet hatte, mehr als gering sein mussten. Für alle Beteiligten.
Einzig aus der Fahrerkabine des zweiten Rettungswagens, der den Unfall verursacht hatte, hörte er leises Jammern. Er machte sich auf, dem Fahrer zuerst zu helfen.
Während er den Verletzten versorgte, sah er, wie nach und nach mehr Ärzte an der Unfallstelle eintrafen. Es herrschte keine Hektik. Das war ein schlechtes Zeichen.
„Wir müssen die Familien informieren. Wer erledigt das?“, fragte der Chefarzt.
Hendrik stand wie erfroren, an die Tür zum Behandlungsraum gelehnt, da. Er konnte sich nicht bewegen. Es fühlte sich ganz so an, als wäre er paralysiert.
„Alle tot“, flüsterte er leise zu sich selbst.
„Hendrik, geh nach Hause. Es war ein grausamer Tag. Eine lange Schicht, Junge“, riss ihn Dr. Lanz aus seiner Trance.

Wenig später saß Hendrik auf dem kalten Fußboden seines Badezimmers.
Es war ihm, als wollte er frieren, um sich selbst dafür zu bestrafen, was er nicht imstande gewesen war zu tun: Sie zu retten. Alle. Besonders Bunny.