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Ist das Kunst? – Warum Kunst gleich Liebe ist

„Das ist doch hässlich, wie die Nacht“, platzte es aus Timo heraus, als er das Bild, das sein kleiner Bruder gemalt hatte, am Kühlschrank sah.
„Timo, sei nicht so gemein! Dein Bruder ist sehr kreativ. Wir möchten ihn fördern“, sagte seine Mutter streng. Das Bild zeigte ein Stillleben, wie es verstörender nicht sein konnte. Dennoch würde
es für Jahre genau an dieser Stelle am Kühlschrank hängen. Dessen war sich Timo bewusst.

„Es ist- ja, Tatjana, es ist wunderschön. Vielen Dank!“ sagte Elisa zu ihrer Freundin.
Sie steckte fest verschnürt in dem eigens für sie genähten Abendkleid.
Das Kleid war bezaubernd. Würde man aus dem vorletzten Jahrhundert stammen.
Elisa suchte noch nach einem Weg, ihrer Freundin begreiflich zu machen, dass
minimale Veränderungen es zu einem noch schöneren Werk machen würden.
Sie bewunderte ihr Talent ganz aufrichtig. Die Geste ihrer Freundin rührte sie von ganzem Herzen.

„Manche Deiner Texte sind schwer verständlich“, sagte meine Mutter.
Die Tatsache, dass sie bewundert, was ich tue und meine Arbeit stetig verfolgt,
ist genug Lob für mich. Mir ist bewusst, dass nicht jedes Werk den Applaus derselben Menschen ernten kann. Nicht alles was wir schaffen, ist für alle, die uns lieben, geschaffen.

Das Anerkennen der Kunst als solche, ist Liebe pur.
Liebe von denen, die Dich von Herzen lieben.
Liebe von denen, die Dich nicht einmal kennen.
Ist die objektive Meinung über Werke der Kunst, die einzig wahre?
Sicher ist sie jene, die am authentischsten ist.
Ganz sicher jedoch, ist es die Liebe seiner Liebsten, die den Künstler auf den Weg bringt.
Auf dem Weg, Menschen zu verzaubern, die nichts von seinem Zauber wissen.
Jene, die ihm applaudieren, für das, was er schuf. Allein dafür.

Geschichten eines Lebens

„Opa, erzähl mir eine Geschichte“, sagte Pauline fordernd und zupfte ihren Großvater neckisch an seinem Ärmel.
„Mein Engel, aber Du kennst alle meine Geschichten bereits. Ich bin doch nur ein alter Mann. Neues habe ich nicht zu erzählen“, gab ihr Großvater sanft zurück und umarmte sie.
„Keine Ausreden, Opa, nun fang schon an“, lachte sie und wusste, der Tag, an dem ihr der Wunsch einer Geschichte verwehrt werden würde, würde niemals kommen.

„Na gut, Du hast es so gewollt“, begann er. Dabei sah er Richtung Himmel, als könnte er die Zeilen in den Wolken ablesen:

„Als ich noch klein war, ein wenig jünger als Du jetzt, Pauline, sah ich auf einem Volksfest einen Mann Trompete spielen. Ich war so fasziniert von ihm und seinem Instrument, dass ich jeden Tag, solange das Fest andauerte, zu der kleinen Bühne zurückging, auf der er täglich mehrere Auftritte hatte. Menschen gingen vorbei. Manche warfen ihm silberne Münzen in seinen Hut am Bühnenrand. Ich saß einfach nur da und lauschte. Sobald der letzte Tag des Volksfestes angebrochen war, begann ich mich zu fragen, wo ich fortan solch schöne Musik hören könnte. Ich ging ein letztes Mal zum Marktplatz, um dem Trompetenspiel zu lauschen. Nach seiner Vorstellung hielt der Mann kurz inne, drehte sich zu mir herum, so als konnte er nicht entscheiden, ob er mich ansprechen oder ignorieren sollte. Ich lächelte, in Vorfreude, er würde mich beachten. Leider drehte er sich auf dem Absatz herum und verschwand ohne ein Wort. Enttäuscht saß ich dort, die Klänge seiner Musik konnte ich noch immer hören. Eine einzige Träne lief über meine Wange, bevor ich mich aufrichtete und den Heimweg antrat.

Meine Geschwister, insgesamt waren es 13 an der Zahl, drängten sich bereits um den Esstisch. Jeder wollte das beste Stück, und an manchen Tagen waren wir glücklich, wenn wir überhaupt ein kleines Stück von irgendetwas bekamen, ob es nun das Beste war oder nicht. Meine Schwester, Greta, die einige Jahre älter war als ich, zog mich am Ohr, als ich mich setzte und lästerte: „Blödmann, was hast Du heute wieder getrieben, sag schon!“
Ich befreite mich aus ihrem Griff und sagte: „Ich war beim Volksfest und habe dem Trompetenspieler zugehört.“
Ein Raunen ging über den Tisch, während ein paar meiner Geschwister sogar mit den Augen rollten. Natürlich, „der Blödmann“ machte eben auch nur Blödes. Wie konnte es anders sein.

Später in diesem Jahr, es war vor Weihnachten, ging ich einen Umweg durch die Stadt.
Meine Mutter hasste es, wenn ich diesen Umweg von der Schule nach Hause nahm. Zum einen brauchte ich viel länger, und zum anderen führte er mich vorbei an all den Schaufenstern, die besonders zu dieser Jahreszeit mit Dingen gefüllt waren, die wir uns niemals hätten leisten können. Ich liebte es, schöne Dinge zu betrachten, auch wenn die Möglichkeit, etwas davon auf meinen Wunschzettel für das Christkind zu setzen, nicht gegeben war.
‚Wozu war überhaupt ein Wunschzettel notwendig?‘, dachte ich im Stillen.
Waren solche Kinder nicht in der Lage, sich den Wunsch, den sie hatten, zu merken?
Mussten sie ihn aufschreiben wie der Lehrer Schmidt, der sicher über 100 Jahre alt war?

Mein Weg führte mich vorbei an Haushaltswaren, Süßigkeiten und Büchern.
Alle Auslagen waren schön anzusehen. Ich schmeckte beinahe den Karamell auf meiner Zunge, als ich die mit Bonbons gefüllten Gläser im Schaufenster sah. Nichts von alledem brachte mich dazu, anzuhalten, innezuhalten. Bis ich in einem Gebrauchtwarenladen etwas Goldenes sah: Eine Trompete.
Ich starrte sie an, so als würde ich erwarten, dass sie wie von Zauberhand begann, zu spielen. Der Mann, dem der Laden und somit auch die kostbare Trompete gehörte, starrte mich indessen an. Als er in Richtung Tür lief, stieg Panik in mir auf.
Würde er mich vertreiben wollen?
Ich war nicht sicher, ob es mir nun lieber gewesen wäre, er hätte mich ignoriert wie der Trompetenspieler auf dem Volksfest. Die Tür öffnete sich ruckartig, und ich stand dort wie versteinert und sah ihn mit offenem Mund an.
„Mein Junge, kann ich Dir helfen?“, fragte er mürrisch.
„Nein, nein, nein. Es tut mir leid. Mir gefällt diese Trompete“, antwortete ich, hektisch mit den Armen gestikulierend.
„Sie kostet 70 Mark, hast du so viel?“
„Oh nein, nein“, sagte ich und war mir nicht sicher, ob ich so viel Geld jemals gesehen hatte.
Der Mann überlegte, wahrscheinlich, ob er mich nun verjagen sollte, nachdem er sichergegangen war, dass ich kein kaufkräftiger Kunde war. Als hätte er das nicht bereits zuvor gewusst, so arm wie ich ausschaute.„Hör zu. Junge“, sagte er und sein Blick klarte auf.
„Ich könnte wirklich Hilfe im Laden gebrauchen. Bis zum Frühling muss ich meine Lagerräume auf Vordermann bringen. Wenn Du mir damit hilfst, für ein paar Stunden jeden Tag, gehört die Trompete Dir.“
Ich konnte mein Glück nicht fassen. Abwechselnd blickte ich auf die Trompete, diesen goldenen Schatz und den Mann. Er meinte es ernst!
„Ja, natürlich, sofort. Wann, ich meine, wann kann ich anfangen?“
„Komm‘ morgen nach der Schule vorbei, dann zeige ich Dir alles.““

„Opa, nun spiel mir ein Lied“, unterbrach Pauline die Geschichte, die sie schon so oft gehört hatte. Sie sprang auf, öffnete den Koffer und zauberte die Trompete hervor.
Als ihr Großvater zu spielen begann, schloss sie die Augen und saß ganz still neben ihm.
„Pauline, was hast Du aus meiner Geschichte gelernt?“, hielt er inne, die Trompete legte er aber nicht ab.

„Dass nichts Unmöglich ist. Unsere Leidenschaft für etwas niemals grundlos unseren Weg kreuzt. Auch wenn die anderen Witze darüber machen, uns nicht sehen wollen, wir es dennoch schaffen können, unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen.“

„Opa, Du warst ein ganz schön armer Junge, stimmt’s? Das tut mir sehr leid.“
„Das ist schon in Ordnung, mein Schatz. Damals habe ich bereits erkannt, wie reich ich im Herzen bin. Seitdem bin ich es immer gewesen.“

Mit einem Lächeln setzte er die Trompete wieder an und spielte weiter.
Der Klang und das Gefühl, für immer in ihrer beider Herzen.