Echo

Echo

It was a clear morning due to the rain last night. As Katharina walked slowly through the forest, up to the quarry, she was able to hear the dampness under her feet.
Birds were twittering, the air has been washed. Everything fresh and pure. She went on and on, already feeling very close to her goal. When she saw the rocks from afar, this comforting feeling rose in her. In her spot, under a spruce, at the foot of the quarry, she sat down. She looked at the cliff that was rising high into the sky. She took a deep breath.

Wasn’t it that place, that was the one that she had chosen to find her end, it was a beauty now, her oasis. She often remembered the cold November evening when this happened.
The evening when Katharina no longer wanted to be. She had been determined. For years she had fought, hesitated. The fight was lost now. There she stood, yet she had lost her courage, it seemed. At the top of the quarry, overlooking her city. Her home. She did not think of pain, soon she would not feel any.
She did not think of her parents, her siblings and friends. It were the thoughts about them, her loved ones, who had held her up for so long. She wanted to please them: To keep Katharina alive. The pain in her was like endless cuts of a non-existent blade: „This is all just in your head, Katharina.“
Katharina smiled about that, too often she had asked herself how this statement should help her. Yes, it was in her head. It was right there, the feeling she would no longer be able to fight. Often she had tormented herself with reproaches, while no one could explain what was going on in this pretty, healthy and popular girl. Yes, what was wrong with her?
Couldn’t she just be happy? Whatever that means.

All this had no meaning any longer, so close to the abyss and the step, until there’s nothing more to feel. To be free. A cold wind beat Katharina in her face and ripped roughly through her hair. She shuddered and caught herself thinking: „I should have dressed myself warmer, I’m going to catch a cold.“ A shrill laughter escaped her when she realized how funny this thought was at the present moment. She cautiously took a step forward, that’s not how she imagined that. For years, Katharina had been convinced, once she would have made the decision it would be a run into freedom. A leap, the free fall.
She had not expected to be standing here for so long. What was she waiting for?

Katharina closed her eyes and spread her arms wide, throwing her head back, taking a deep breath. Another breath. She listened to the wind and the sounds of the forest.
An ambulance was going by somewhere and Katharina had to smile again as she thought, „That really would not have been necessary. Thank you though.“ She opened her eyes again and looked into the tumult of leaves that was blown down from the summit. She also had the feeling that the world wanted to show off to her, one last time: „That’s all you got?“ She thought. The thought amused her again, because her choice for this cold November evening was probably not the best.

Cautiously she took another step forward. She closed her eyes again and felt ready. Ready to say “farewell” to the world and ready to shift her weight straight forward, just to fall into the sweet abyss. Now she felt the wind that pushed her back, almost fighting her. She heard voices, it was like the singing of an echo.
She listened, but could not understand what was being sung. The melody, however, seemed familiar to her, like a song from her childhood. Katharina opened her eyes and looked around. Quick widded, she walked two steps back and sank down to the ground.
There she sat quietly, listening to the song, the echo of the quarry. Tears ran down her face. She had never heard anything as beautiful as that before. Minutes passed, Katharina felt overwhelmed by the beautiful sound. She watched her whole life going by in front of her.
How was that possible, was she still alive? Just as she was trying to shake off her thoughts, she saw herself dancing with her little sister. When Katharina let go of her sister’s little hand, her sister grabbed it again and said, „Kathi, no! We’re not done yet! „It was at this moment when Katharina realized: Yes, we are not done yet!

Katharina blinked at the sun that shone through the trees.
She remembered this moment as if it had happened yesterday. Nevertheless, the time had passed. Her life had changed. She had changed. Her fight had not been decided by magic hand for her. The pain still came. However, now it kept fading, too.

When Katharina got up to go home, she heard the sweet melody again.
She closed her eyes and felt a warm shudder going down on her. Slowly she walked towards the path that would take her out of the forest. After a few steps, she turned around, smiling, looking at the quarry while she said:
„Yes, I know. We are not done yet.“

Echo

Der Morgen war klar, es hatte die ganze Nacht geregnet. Als Katharina langsam durch den Wald, hinauf zum Steinbruch ging, hörte sie die Nässe unter ihren Sohlen.
Vögel zwitscherten, die Luft war wie reingewaschen. Sie ging immer weiter, fühlte sich ihrem Ziel jetzt schon ganz nah. Als sie die Steinwand von weitem sah, stieg dieses behaglich vertraute Gefühl in ihr auf. An ihrem Platz, unter einer Fichte, am Fuße des Steinbruches angekommen, setzte sie sich. Sie betrachtete die Mauern, die weit in den Himmel ragten und atmete tief durch.

War nicht dieser Ort einst jener gewesen, den sie auserwählt hatte, um ihr Ende zu finden, so war er nun eine Schönheit, ihre Oase. Oft erinnerte sie sich an den kalten Novemberabend.
Der Abend, an dem Katharina nicht mehr sein wollte. Fest entschlossen war sie gewesen. Jahrelang hatte sie gekämpft, gezögert. Sah den Kampf verloren.
Da stand sie nun, hatte dennoch ihren Mut verloren. Am Gipfel des Steinbruchs, mit Blick auf Ihre Stadt. Ihr Zuhause. Sie dachte nicht an Schmerz, bald würde sie keinen mehr empfinden. Sie dachte nicht an ihre Eltern, ihre Geschwister und Freunde. Waren es doch die Gedanken an sie, ihre Lieben, die sie so lange hatten ausharren und kämpfen lassen. Den Gefallen wollte sie ihnen gerne tun: Katharina am Leben zu erhalten. Der Schmerz in ihr war wie endlose Schnitte einer nicht vorhandenen Klinge: „Das ist alles nur in deinem Kopf, Katharina.“
Katharina lächelte beim Gedanken daran, zu oft hatte sie sich gefragt, wie diese Feststellung ihr weiterhelfen sollte. War es doch in ihrem Kopf. Es war da, das Gefühl, nicht mehr kämpfen zu können. Oft hatte sie sich mit Vorwürfen gequält, konnte es sich doch niemand erklären, was in diesem hübschen, gesunden und beliebten Mädchen vorging. Ja, was stimmte nicht mit ihr?
Konnte sie nicht einfach glücklich sein? Was immer das auch bedeutete.

Das alles hatte nun keine Bedeutung mehr, so nah am Abgrund und dem Schritt, bald nichts mehr zu empfinden. Frei zu sein. Ein kalter Windzug peitschte Katharina ins Gesicht und durchwühlte ihr Haar. Sie erschauderte und erwischte sich bei dem Gedanken: „Ich hätte mich wärmer anziehen sollen, ich erkälte mich bestimmt“. Ein schrilles Lachen entfuhr ihr, als sie merkte, wie unsinnig dieser Gedanke zum jetzigen Zeitpunkt war. Sie machte vorsichtig einen Schritt vorwärts, so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Jahrelang war Katharina überzeugt gewesen, hätte sie den Entschluss einmal gefasst, wäre es wie ein Lauf in die Freiheit. Ein Sprung, der freie Fall.
Sie hatte nicht erwartet, hier so lange grübelnd zu stehen. Auf was wartete sie denn bloß?

Katharina schloss die Augen und breitete die Arme aus, warf ihren Kopf nach hinten und atmete tief ein. Noch ein Atemzug. Sie lauschte dem Wind und den Geräuschen des Waldes. Ein Krankenwagen war zu hören, und Katharina huschte erneut ein Lächeln über ihr Gesicht, als sie dachte: „Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen. Danke trotzdem!“ Sie schlug die Augen wieder auf und blickte in das Getümmel aus Blättern, das vom Gipfel hinab geweht wurde. Auch hatte sie das Gefühl, die Welt wollte sich ihr noch einmal zeigen: „Geht das nicht besser?“ dachte sie. Der Gedanke amüsierte sie erneut, denn ihre Wahl dieses kalten Novemberabends war diesbezüglich wohl nicht die Beste gewesen. Einen weiteren Schritt ging sie behutsam nach vorne. Sie schloss erneut ihre Augen und fühlte sich bereit. Bereit für ihren Abschied von der Welt und bereit dafür, ihr Gewicht nun einfach nach vorne zu verlagern und in den süßen Abgrund zu fallen. Nun spürte sie den Wind, der sie zurückdrängte, beinahe gegen sie ankämpfte. Sie hörte Stimmen, es war wie der Gesang eines Echos.
Sie lauschte, konnte jedoch nicht verstehen, was gesungen wurde. Die Melodie kam ihr dennoch bekannt vor, wie ein Lied aus Kindertagen. Katharina riss die Augen auf und sah sich um. Geistesgegenwärtig ging sie zwei Schritte zurück und ließ sich zu Boden sinken.
Nun saß sie still da, lauschte dem Gesang, dem Echo des Steinbruches. Tränen liefen über ihr Gesicht. Hatte sie doch nie zuvor etwas Schöneres gehört! Minuten vergingen, Katharina fühlte sich überwältigt vom wunderschönen Gesang. Sah ihr ganzes Leben vor ihren Augen vorbeiziehen.
Wie war das möglich, war sie doch noch am Leben? Gerade versuchte sie die Gedanken abzuschütteln, da sah sie sich mit ihrer kleinen Schwester tanzen. Als Katharina die kleine Hand ihrer Schwester losließ, griff diese erneut danach und sagte: „Kathi, nein! Wir sind noch nicht fertig!“ Es war dieser Moment, in dem Katharina begriff:
Wir sind noch nicht fertig!

Katharina blinzelte in die Sonne, die durch die Bäume hindurch schien.
Sie erinnerte sich an diesen Moment, als sei er gestern gewesen. Dennoch war seitdem viel Zeit vergangen. Ihr Leben hatte sich verändert. Sie hatte sich verändert.
Ihr Kampf war nicht wie von Zauberhand für sie entschieden worden. Der Schmerz kam noch immer. Jedoch ging er jetzt auch immer wieder.

Als Katharina aufstand, um den Heimweg anzutreten, hörte sie die Melodie erneut.
Sie schloss ihre Augen und fühlte, wie ein warmer Schauer sie ergriff. Langsam ging sie in Richtung des Weges, der sie hinaus aus dem Wald führen würde. Nach ein paar Schritten drehte sie sich lächelnd, den Blick zum Steinbruch gerichtet, noch einmal um:
„Ja, ich weiß. Wir sind noch nicht fertig.“