Nacht

„Warum fürchten sich alle vor mir, wo doch zu Deiner Arbeitszeit genauso, wenn nicht mehr, Unglück geschieht?“, fragte die Nacht den Tag, während sie einen Sonnenaufgang lang auf einer Wolke saßen.
„Das bildest Du Dir bloß ein. Wie oft müssen wir das Thema noch diskutieren?“, gab der Tag genervt zurück und rutschte auf seinem Platz hin und her. Er musste bald zur Arbeit, das wusste die Nacht genau. In ihrer unendlichen Beziehung war dem Tag jedoch mehr als bewusst: Die Nacht würde nicht ruhen, ehe das Thema ein weiteres Mal besprochen wurde.
Deshalb sagte er ruhig, mit einem Lächeln auf den Lippen:
„Na leg‘ schon los, mein Schatz, rede es Dir von der Seele.“

Die Nacht ließ sich das nicht zweimal sagen, und so begann sie:
„Es sind doch besonders die Menschen, die sich vor mir fürchten. Dabei bringe ich Ihnen so viel Gutes: Wunderbaren Schlaf, Ruhe, Pflanzen, die wachsen und sie ernähren. Ich biete ihnen auch Schutz in meiner Dunkelheit. Dennoch sehen sie nur die Gefahren, die böse Menschen erschaffen haben, die sie sich zunutze machen. Das ist so ärgerlich!
Ich könnte mich Jahrhunderte darüber aufregen.“

„Genau das, meine Liebe, tust Du doch schon seit Jahrhunderten, und was hat es uns gebracht?“, fragte der Tag und strich der Nacht sanft über die Schulter, auf die ihre schwarzen Haare in leichten Wellen hinabfielen.
„Ich weiß, ich weiß. Diese Menschen. Sie sind alle gleich. Es bringt doch einfach nichts.
Du musst los, mein Liebster“, beendete sie die Unterredung für den Moment und küsste den Tag ganz sanft. Als ihre Lippen sich entfernten, stand die Sonne am Himmel. Der Tag war zur Arbeit aufgebrochen.

Der Tag ging vorüber und nach ihrem nächsten Abschied, dem Sonnenuntergang, war die Zeit der Nacht angebrochen. Finster war sie, umgab alles, wie in einen wunderschönen schwarzen Mantel gehüllt. Schwarz war genau ihr Stil. Die Nacht lächelte, zufrieden mit ihrem Werk. Plötzlich kamen die Gedanken zurück, jene, die besagten, dass niemand sie gernhatte, alle sie fürchteten und sie wurde betrübt.

„Gute Nacht, Lukas.“
„Gute Nacht, Mama. Ich habe Dich lieb“, sagte der Kleine, der von seiner Mutter gut zugedeckt wurde, bevor sie ihn auf Stirn und Wangen küsste.
„Träum was Schönes, mein Schatz.“

Die Nacht war glücklich. An solche Szenen wollte sie sich erinnern, wenn sie sich ungeliebt fühlte: der GuteNacht-Kuss. Lächelnd machte sie sich auf den Weg zur Wolke, um dem Tag von ihrer Nacht zu berichten und ihn zu küssen, bis die Sonne hoch am Himmel stand.
Denn es sind doch die Küsse, die zählen.

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