Nichts zu verschenken?

„Wir haben alle nichts zu verschenken, Micha“, klingelte die Stimme seines Vaters in seinen Ohren.
Micha fragte sich oft, ob das der Wahrheit entsprach. Das tat er oft, nachdem sein Vater verstorben war. Dass er ihn solange er gesund war, niemals in seinen Aussagen hinterfragt hatte, bereute er jetzt beinahe täglich. Sie hatten nie ein inniges Verhältnis gehabt und damit hatten beide ihren Frieden gemacht.
Allerdings beschäftigten einige Aussagen seines Vaters ihn nachhaltig. Die Antworten waren verloren.

Die U-Bahn, auf die er seit beinahe zehn Minuten wartete, kam vor ihm zum Stehen. Da Micha nicht zu den Dränglern gehörte, die schon vor Ausstieg der anderen Fahrgäste die Türen blockierten, wartete er ein paar Sekunden, bis diese den Bahnsteig verlassen hatten. Er suchte einen Platz in Fahrtrichtung und kramte in seiner Jackentasche nach seinen Kopfhörern. Panik machte sich in ihm breit, als er sie nicht fand. Eine 20-minütige U-Bahn-Fahrt ohne Musik? Das war einer seiner persönlichen Albträume, abgesehen von denen, die ihn täglich verfolgten und die ihn nur selten aus ihren Klauen ließen. Nur für eine Weile, ein kleines bisschen traumloses in den Tag Hineinleben.
Die Kopfhörer waren nicht aufzufinden, und Micha starrte stur aus dem Fenster. Dort gab es nicht viel zu sehen.

Er hatte gar nicht bemerkt, dass eine ältere Dame neben ihm Platz genommen hatte.
Als er sich zu ihr wandte, lächelte sie warm, sagte aber nichts.
Micha lächelte zurück, zögerlich. Er selbst erschien sich künstlich. Zu bemüht. Er tat, was er konnte. Kurz darauf sah er wieder aus dem Fenster und merkte nicht, wie die Zeit verflog.
Seine Station war beinahe erreicht, da bemerkte er, dass die ältere Dame verschwunden war. Ihm war nicht mal aufgefallen, dass sie aufgestanden war. Auf ihrem Platz lag ein Umschlag.
Den musste sie verloren haben!
Micha griff sogleich danach, sprang auf und sah sich um. Er rannte von Abteil zu Abteil. Sie blieb verschwunden. Die Türen öffneten sich, der Zug hatte seine Endstation und Michas Ausstieg erreicht.
Er packte den Umschlag in seine Tasche, hoffte die Dame auf dem Nachhauseweg wiederzusehen.

Es war Samstag, der 23.12., Micha stand in seiner kleinen Küche und überlegte, was er noch einpacken sollte. Er war zum Skifahren verabredet und würde heute Abend mit Freunden zur angemieteten Hütte aufbrechen. Traumhafte Weihnachten. Schöner konnte er es nicht vorstellen. Als er nach seinen Fahrzeugpapieren suchte, fiel ihm der Umschlag der Dame aus der U-Bahn in die Hand. Er hatte sie seit diesem Tag nie wiedergesehen. ‚Sollte er ihn öffnen?‘ Micha beschloss, dass er lange genug gewartet hatte und öffnete den Umschlag vorsichtig.

Die Karte zeigte eine Sternschnuppe. Lächelnd klappte Micha die Karte auf und las:

Lieber Micha,
wir alle haben etwas zu Verschenken. Vergiss diesen Blödsinn!
Selbst einem Griesgram wie mir wurde ein wahnsinnig großes Geschenk gemacht:
Du, mein Sohn, warst mein größtes Geschenk und bist es noch.
Frohe Weihnachten.
Dein Papa

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