Trauma

Als Hendrik seinen Wagen an diesem Abend in die Einfahrt lenkte, fragte er sich, ob in der Geschichte der Menschheit jemals ein Mensch einen schlimmeren Tag erlebt hatte.
Die Antwort, die das bestätigte, lag auf der Hand, offensichtlich aber nicht auf Hendriks Nachhauseweg. Es war nicht nur ein richtig schlimmer, es war ein furchtbarer Tag gewesen. Zudem dauerte er scheinbar zehnfach so lange wie alle anderen furchtbaren Tage seit Anbeginn der Menschheit.

Hendrik war Assistenzarzt in der Stadtklinik, und heute, am 14.11.2017, jagte ein Unglück das nächste. Die Notaufnahme war seit Wochen überfüllt gewesen. Pfleger rannten wild umher, um dem nächsten Assistenzarzt zu assistieren und sich sicherlich zu fragen, wer hier eigentlich der Profi war. Bunny war anders. Hendrik erinnerte sich, als er ihren Namen zum ersten Mal am Board im Flur gesehen hatte und wie er sich ein blondes Callgirl mit Hasenohren vorstellte. Tatsächlich war sie blond, aber nicht der Typ „Püppchen“, sondern eher der sportliche Typ. Ganz sicher aber war sie genau Hendriks Typ. Sie eilte die Gänge entlang wie ein Engel und während er von der Patientenakte aufsah, blinzelte sie ihm zuckersüß zu.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und der Moment ging so schnell vorüber, wie er gekommen war.

„Ein Großunglück in der Innenstadt“, brüllte ein Pfleger, der gerade den Hörer des Telefons aufgeschmettert hatte. „Ein Zug ist entgleist, es sind Hunderte verletzt und sicher die Hälfte kommt hier her, macht Euch bereit, Kollegen“, brüllte der Chefarzt, Dr. Lanz, energisch hinterher. Exakt ab jenem Moment, in dem die Flügeltüren der Notaufnahme aufflogen und die ersten Verletzten von Sanitätern hereingeschoben wurden, schien die Zeit stillzustehen. In Zeitlupe krochen die Minuten vorbei.

Die Erfolgsquote der Behandlungen bewegte sich auf einer 30/70 Ratio. Leider waren es nur 30 %, die Überlebten. Schwere Schädelbrüche und innere Verletzungen waren an diesem Tag der Gegner Nummer eins für Hendriks Team.
Verzweiflung und Hilflosigkeit schwebten in der Luft. Familienmitglieder und Freunde der Verletzten weinten in den Wartebereichen. Manche beteten.
„Es geht weiter, da kommen noch mehr. Raus mit Euch auf den Hof, Leute!“ rief Dr. Lanz in die geschäftige Menge aus Ärzten und Pflegern, und da Hendrik gerade frei war, lief er los.
Wie ein Retter gefangen in einem schlechten Horrorstreifen fühlte er sich, als die Flügeltüren sich öffneten und er auf den Innenhof, der von strahlender Sonne geflutet war, trat. Dort stand sie, Bunny. Gebeugt über eine Patientin, die offensichtlich verängstigt und in Panik war, streichelte sie den Arm der jungen Frau, als die Sanitäter sich langsam Richtung Notaufnahme in Bewegung setzten.

So langsam wie die Zeit zuvor dahin kroch, so schnell, mit aller Gewalt, reihten sich die nächsten Momente aneinander. Mit quietschenden Reifen fuhr ein Rettungswagen auf den Hof, offensichtlich unkontrolliert knallte er in die Gruppe Menschen, unter ihnen auch Bunny.
Alles geschah so schnell, so laut, als bebte der Boden, auf dem sie standen.
Teile der Rettungswagen flogen durch die Luft. Hendrik rannte sofort los, nachdem der Wagen oder was von ihm noch übrig war zum Stehen gekommen war.
Sein Herz schlug laut, kalter Schweiß rann ihm den Rücken hinab.
Konnte er sie noch retten?
Nach Erreichen der Unfallstelle erkannte Hendrik, dass die Chancen, die er sich soeben noch ausgerechnet hatte, mehr als gering sein mussten. Für alle Beteiligten.
Einzig aus der Fahrerkabine des zweiten Rettungswagens, der den Unfall verursacht hatte, hörte er leises Jammern. Er machte sich auf, dem Fahrer zuerst zu helfen.
Während er den Verletzten versorgte, sah er, wie nach und nach mehr Ärzte an der Unfallstelle eintrafen. Es herrschte keine Hektik. Das war ein schlechtes Zeichen.
„Wir müssen die Familien informieren. Wer erledigt das?“, fragte der Chefarzt.
Hendrik stand wie erfroren, an die Tür zum Behandlungsraum gelehnt, da. Er konnte sich nicht bewegen. Es fühlte sich ganz so an, als wäre er paralysiert.
„Alle tot“, flüsterte er leise zu sich selbst.
„Hendrik, geh nach Hause. Es war ein grausamer Tag. Eine lange Schicht, Junge“, riss ihn Dr. Lanz aus seiner Trance.

Wenig später saß Hendrik auf dem kalten Fußboden seines Badezimmers.
Es war ihm, als wollte er frieren, um sich selbst dafür zu bestrafen, was er nicht imstande gewesen war zu tun: Sie zu retten. Alle. Besonders Bunny.

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