Komm‘ an Bord

Es war an dem Tag, als sie ihn traf, als ihre Überzeugung schwankte wie ein Fischerboot, das schon lange nicht mehr zur See hätte fahren sollen.
Dort stand er, mit seinem selbstsicheren Lächeln und seinen funkelnden Augen.
Ihr Spiegelbild, das sie zurückwarfen, war ein anderes, als sie es gewohnt war.
Dominant war er, dieser Kerl, und jedem anderen Menschen zuvor, der ihr mit solch einer Art begegnet war, hatte sie gesagt, was sie davon hielt: Überhaupt nichts.

Sie war keine Frau die sich gerne führen ließ. Sie selbst war ein Anführer. Geboren, einer zu sein, dazu ermutigt und erzogen. Ihr Wort war stets das erste und das letzte gewesen. Viel wichtiger: Das maßgebliche. Auf manche ihrer Mitmenschen wirkte sie arrogant, und je älter sie wurde, desto weniger störte es sie. Sollten die anderen doch denken, was sie wollten. Schließlich war es ihre Meinung über die Reflexion ihrer selbst, das, was sie ausmachte, die zählte.

Als er ihre Hand ergriff und nicht mehr losließ, fühlte sie sich anders. Könnte es seine Stärke sein, die Art wie er sprach, alles was er tat, das sie einschüchterte? Sie!
Nein. Sie war beeindruckt. Nicht auf eine Art, die ihr bereits bekannt war. Dieses Gefühl saß tiefer in ihr drin. Als hätte es geschlummert, nur um durch seine Anwesenheit zum Leben erweckt zu werden.
Wie ein Buch las er sie, nicht befangen, ihr aus seinem vorzulesen. So oft sie wollte. Jedes Kapitel, auch jene, die sie erschreckten, ihr kalte Schauer über den Rücken jagten.

Sie fühlte sich nicht wie ein neuer Mensch, viel mehr wie jener, der sie immer gewesen war. Ihre eigene Stärke verdoppelt, fühlte sie sich größer als jemals zuvor.
Alles an ihr selbst, was sie nicht schätzte, wurde umgekehrt, durch seine Liebe relativiert.
Bewunderung kannte sie. War sie von Männern erzogen worden, deren Kampfgeist so beachtlich war, dass sie nicht anders konnte, als ihnen ihr Leben lang Tribut zu zollen.
Waren diese Ihre Segel in rauer See gewesen, erkannte sie jetzt:
Hier vor ihr stand ihr Kapitän.

Als er ihre Hand fester griff, tobte ein Sturm. Vor ihnen lag das Meer, wild und ungestüm. Zeiten ohne starken Wellengang waren nicht in Sicht und dennoch kannten sie ihr Ziel:
„Land in Sicht!“
Seine Arme hielten sie fest umschlungen, als sie die Augen schloss.
Für einen unendlichen Moment stand sie so da und wusste, es würden noch unzählige kommen.
Es war dieser Tag, als ein Anführer seinen Anführer fand.

„Willkommen an Board, Liebste“, sagte er und selbst in der Dunkelheit der See, konnte sie sehen.

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