Halloween: Eine Frage der Perspektive

Anastasia war noch nicht lange ein Geist, gerade mal 134 Jahre, 6 Monate und 4 Tage.
Gedankenverloren saß sie auf einem der Grabsteine und ließ die Seele baumeln.

„Natürlich, das macht auch Sinn, einen Körper habe ich keinen mehr, Du einfallsreicher Geschichtenerzähler. Seele baumeln lassen. Dass ich nicht lache!
Hast Du mal daran gedacht, Dich mit Deinen geistreichen Dialogen bei RTL zu bewerben, hä?“

Sie sprang zornentbrannt auf. Sie schwebte. Ich meine, sie dematerialisierte…

„STOPP! Also mal ehrlich, ich erzähle meine Geschichte selbst, Du alberner Wicht!
Liebe Zuhörer, mein Name ist Anastasia. Zumindest war das mein menschlicher Name.
Als ich erwachte, nachdem ich gestorben war, stellte ich fest, dass ich kein Spiegelbild mehr hatte.
Dies und mein Tod waren die schlimmsten Dinge, die mir jemals widerfahren sind. Ich mochte mein Äußeres sehr, bis mich eine hässliche Krankheit, deren Namen ich nicht kenne, dahinraffte. Alles ging ganz schnell. Manchen, nämlich meiner bösen Stiefmutter und meiner Stiefschwester, nicht schnell genug. Nicht nur waren sie beide böse Menschen, sie waren auch noch hässlich dazu.
Ich sage Euch, das ist erfreulich. Viele Menschen habe ich kennengelernt, die äußerlich wahre Prachtstücke waren. Jedoch in ihnen drin, oh ja, ganz schlechte Wertung.
Jedenfalls möchte ich noch so viel sagen, bevor unser Erzähler Euch weiter langweilen darf:
Das Leben als Geist ist scheiß-langweilig! Früher war es noch ganz interessant, Leute zu erschrecken, aber auch das läuft heutzutage nur noch schleppend. Durch den großen globalen Grusel-Hype, ganz besonders heute an Halloween, sind diese Menschen ja durch nichts mehr zu erschrecken!
LANGWEILIG!
So, nun lasst mich in Ruhe und seht Euch ein wenig auf dem Friedhof um. Meine Gesprächszeit ist beendet. Es ist ja nicht so, dass ich nicht eine Ewigkeit Zeit hätte.“

„Hey, bist Du ein echter Geist?“ Jemand tippte Anastasia auf die Schulter.
Ein greller Schrei entfuhr ihr. Nicht etwa dem Mädchen, das sie angetippt hatte, sondern Anastasia:
„Huaaaaaah! Du kannst mich sehen, Kleine?“ stieß sie hervor.
„Ja, klar und deutlich“, sagte das Kind achselzuckend.
„Das-, das ist unglaublich. Du solltest mich überhaupt nicht sehen können“, erwiderte die Geister-Frau erstaunt.
„Muss man Euch Geistern denn alles erklären? Heute ist HALLOWEEN. Die Nacht, in der die Welt der Toten mit der Welt der Lebenden zusammentrifft. Ist doch glasklar, weshalb ich dich sehen kann“, sagte die Kleine und rollte gespielt mit den Augen.

„Du hast mich erschreckt, Kind! Geh und hol Dir ein paar Süßigkeiten bei den Nachbarn, die nur Süßes verteilen, damit ihre verzogenen Kinder von Deinen Eltern etwas bekommen.“
„Ja, da hast Du wohl recht. Hier gibt es weder Süßes noch Saures. Dafür entweder Pest oder Cholera“, zischte das Mädchen.
Gerade als Anastasia das Mädchen für seine scharfe Antwort beglückwünschen wollte, war sie verschwunden. Keine Spur mehr von ihr. Als hätte sie sich in Luft aufgelöst.
‘Können Menschen so schnell verschwinden? Pest oder Cholera, ha, das ist wirklich gut‘, grübelte sie.
„Diese Menschen und ihr albernes Halloween, wirklich anstrengend. Der wahre Horror trägt Skelettkostüm in Kindergröße“, schnaufte sie genervt und schwebte davon. Denn genau das ist es, was Geister tun.

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.