Dankbar

„Sie hat so viel für mich getan. Ich darf sie nicht im Stich lassen!“ sagte sich Klara,
beim Abstreifen ihrer Jacke und Schuhe. Gerade war sie vom Besuch bei ihrer Großmutter zurückgekehrt. Auf dem kleinen Tischchen in der Diele ihrer Wohnung lag noch immer die Postkarte, die ihre Eltern geschickt hatten. Diese war aus Malta, es war eine unter vielen.

Klaras Vater war erfolgreicher Auslandskorrespondent einer der renommiertesten Onlinemagazine Europas. Vor wenigen Jahren hatte er seinen Redaktionsjob in Berlin gegen diese Aufgabe eingetauscht. Ihre Mutter und er waren bereits Wochen, nachdem die Entscheidung fiel, aufgebrochen. Damals befand sich Klara noch im Studium. Kunstgeschichte. Ihr Studium hatte Klara nun abgeschlossen und arbeitete in einer örtlichen Galerie. Ihr gefiel ihre Arbeit, aber außer ihr gab es nicht viel, was sie hier hielt. Außer Oma. Bevor ihre Eltern ihr neues Leben begonnen hatten, war sie bereits pflegebedürftig gewesen. Es war für alles gesorgt. Sie genoss Rundumbetreuung und Pflege. Dennoch fehlte eines: Familie.

Mehr als einmal hatten ihre Eltern sie gebeten, die Zelte in Berlin abzubrechen und zu ihnen zu stoßen. Das Magazin ihres Vaters hatte Klara angeboten, eine wöchentliche Kunst-Kolumne zu veröffentlichen. Sie könnte die Galerien der Welt bereisen, gemeinsam mit ihren Eltern.
Zugegebenermaßen, die Aufgabe, darüber zu berichten, war für sie kein Leichtes. Sie war sich aber sicher, dass sie zu bewältigen wäre. Jedes Mal, wenn sie zu ihrer Großmutter aufbrach, nahm Klara sich vor, mit ihr darüber zu sprechen. Sie brachte es nicht übers Herz. Zu schwer, die Schuld auf ihrem Herzen. Das schlechte Gewissen. Die Einsamkeit, in die sie ihre Großmutter womöglich stürzen würde.

Nicht nur einmal war sie wütend nach Hause zurückgekehrt. Nicht, weil ihre Großmutter je etwas gesagt hätte, dass sie erzürnt hätte. Nein, weil sie, Klara, so ein Feigling war. Sie brachte die Worte einfach nicht über ihre Lippen. Auf ihre Eltern war sie wütend. Taten die beiden, die Oma doch näherstanden als sie selbst, eben nur genau das, wonach ihnen der Sinn stand. Selbstverständlich sorgten sie für Oma. Aus der Ferne.
Am nächsten Morgen warf sie einen letzten Blick auf die Postkarte ihrer Eltern und nahm ihre Jacke. Auf dem Weg zur U-Bahn, legte sie sich ihre Sätze gedanklich abermals zurecht:
„Oma, ich liebe Dich aber ich möchte diese Chance nicht verpassen“,
„Bitte weine nicht, ich komme dich so oft es geht besuchen“,
„Ich habe lange gezögert, die Entscheidung aber nun getroffen.“
Als sie den Schlüssel in der Haustür ihrer Großmutter drehte, schlug Klaras Herz bis zum Hals. Anne-Marie, Omas Pflegerin, erwartete sie bereits in der Diele, um ihr die Jacke abzunehmen.
„Geh nur rein zu ihr, Klara. Sie erwartet dich bereits“, sagte sie fröhlich.
Durch die beiden weißen Flügeltüren ging Klara ins Wohnzimmer der alten Dame, die mit dem Rücken zu ihr gerichtet, vor dem großen Fenster saß.
„Mein Kind, wie schön, dass du kommst“, sagte sie. Sie drehte sich in ihrem Rollstuhl herum und schenkte Klara ein engelsgleiches Lächeln. Draußen flog das bunte Herbstlaub umher.
„Ich, ich freue mich auch, Oma“, presste sie hervor.
Wie konnte sie nur? Genau, sie konnte nicht.

Dankbarkeit ist manchmal ein Band, oft aber eine Fessel.
Johann Wolfgang von Goethe

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