Deine Wahl

Schweißgebadet schreckte Thomas auf. Er sah sich um, sein Zimmer war dunkel. Alles was er sehen konnte, war schwarz. Er atmete tief durch. Versuchte, nicht mehr daran zu denken, an die schrecklichen Bilder in seinem Kopf. Furchtbare Bilder der Gewalt. Direkt vor ihm.
Nachts, auf dem Weg nach Hause aus der Bar hatte er miterlebt, wie sechs großgewachsene Männer zwei Männer zusammenschlugen. Die Schreie waren nicht zu überhören. Er blickte in die Seitenstraße und sah den Kampf, zuckte zusammen. Das Blut schoss ihm in den Kopf, sein Herz pochte wie wild. Was sollte er tun? Was konnte er tun? Aufgeregt fingerte er nach seinem Handy, als er es hatte, fiel es zu Boden. „Mist!“ raunte er und sah sich gleich darauf um. Hatten sie ihn gehört?
Schläge peitschten auf den, der am Boden lag. Er wählte den Notruf: „Polizei, was können wir für Sie tun?“ sagte eine sanfte Stimme. „Sie müssen eine Streife schicken, am besten auch gleich einen Krankenwagen, Ebertstraße 5“, gab er mit zitternder Stimme zurück.
„Junger Mann, was ist denn passiert?“ fragte der Beamte.
„Es passiert. Es passiert noch. Eine Schlägerei“, sagte Thomas, seine Antwort beinahe ein Schluchzen. „Sieht sehr schlimm aus“, fügte er ängstlich hinzu.
„Danke für die Meldung, ich schicke sofort jemanden!“ bestätigte der Polizist mit der ruhigen Stimme. Dann wurde die Verbindung unterbrochen.
Thomas stand nah an einer Hauswand, immer noch ängstlich. Er wollte warten, bis die Beamten eintrafen. Minuten erschienen wie Stunden. Stunden um Stunden. Immer wieder blickte er die Seitenstraße hinab. Zwei Männer lagen am Boden, noch immer wurde nicht von ihnen abgelassen.
Als der Streifenwagen, gefolgt von einem Krankenwagen, um die Ecke bog, atmete Thomas aus. Jetzt würde alles gut werden. Wie versteinert stand er da, blickte auf die Hauptstraße direkt vor ihm.
Autos rasten vorbei. Ohne einen weiteren Blick in die Seitenstraße trugen ihn seine Beine nach Hause. In dieser Nacht fand er keine Ruhe. An Schlaf war nicht zu denken, zu schrecklich, die Bilder in seinem Kopf.

Als der nächste Morgen kam, waren die Nachrichten übersät von der Schreckensmeldung.
„Schlägerei mit Todesfolge, ein Opfer schwer verletzt im Koma“, hieß es.
Thomas schaffte es gerade noch in die Küche, übergab sich in die Spüle. Tränen liefen über sein Gesicht, als er auf dem Fußboden zusammensackte.
Hätte er sie retten können, wenn er nicht ein solcher Feigling gewesen wäre?
Er hatte die Wahl gehabt.
Hatte er?

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