Was ist los mit Euch?

„Mami, was passiert, wenn wir sterben?“ fragte Marie, beinahe beiläufig, auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause. Ich hatte Mühe, nicht vor Schreck stehen zu bleiben.
„Wie kommst Du auf diese Frage, mein Schatz?“ fragte ich.
„Ich weiß nicht Mami, müssen wir nicht alle irgendwann sterben? Weißt du, wann ich sterben muss?“
„Oh mein Kind, oh nein“, sagte ich, hielt nun doch an und schloss sie in meine Arme. Eine kleine Träne rollte über meine Wange, ich fühlte den stechenden Schmerz, den diese Frage in mir auslöste und sagte: „Keiner weiß, wann er gehen muss, mein Engel. Alle Menschen und Tiere, auch Pflanzen, sterben irgendwann.“
Als sie sich aus meiner Umarmung löste, erkannte ich, dass Marie verwirrt war.
„Was ist los mein Schatz, was stört Dich?“ hakte ich nach.
„Du hast meine Frage nicht beantwortet, Mami. Warum beantwortet niemand solche Fragen? Was ist los mit euch, euch Erwachsenen?“
Ich suchte nach einer Sitzgelegenheit und kam es mir doch immer vor, als sei der Weg übersät von zu vielen Parkbänken, auf denen keiner saß, so fand ich jetzt keine.
Ich beugte mich zu Marie hinunter „Ich möchte alle deine Fragen beantworten. Es gibt jedoch Fragen, auf die weiß ich keine Antwort“
„Weiß jemand anderes die Antwort, können wir ihn fragen?“ schoss es aus ihr heraus, leuchtend blaue Augen starrten mich an, während sie nervös von einem Fuß auf den anderen trat.
„Sicher gibt es Menschen, die viele, viele Fragen beantworten können, jedoch nicht diese. Wenn wir sterben, ist es, als ob wir einschlafen und nie wieder aufwachen. Unser Leben ist dann vorbei“, bemühte ich mich einer Antwort. Marie grübelte, dann sagte sie: „Okay“, nichts weiter.
„Hast du noch mehr Fragen, Marie?“ setzte ich erneut an, während wir weitergingen.
„Ich weiß noch nicht Mama, vielleicht später. Ich will versuchen, Dich nicht wieder traurig zu machen. Versprochen“, antwortete sie und hob ihre kleine Hand zum Schwur.

Sind die traumatischsten und schmerzvollsten Dinge für uns umso schmerzhafter, weil sie solch ein Tabu sind? Könnten wir sicher nicht glücklich leben, wenn wir jenen Gedanken ständig den Vortritt ließen. Dennoch sollten wir uns fragen, ob das erlernte Tabu, unseren Schmerz und die Angst, nicht vergrößert. Schieben wir die wohl traurigste Tatsache, ein Stück zu weit weg, von unserem Leben? Auch wenn Leben und Tod unweigerlich zusammengehören?

Geboren um zu sterben, kann der Mensch so wenig
den Schmerzen, als dem Tode entgehen.

-Voltaire-

2 Kommentare

  1. Hm. Ich sagte schon irgendwo an anderer Stelle, dass ich kein besonderes gläubiger Mensch bin.
    Aber dennoch habe ich die Hoffnung, dass der Tod eben nicht das Ende von allem ist. Vom Leben hier auf Erden, ja, sicher.
    Trotzdem finde ich es sehr trostreich, dass am Ende nicht einfach das Licht ausgeht und alles vorbei ist und die Seele einfach erlischt. Ich finde es immer sehr traurig, wenn Kinder mit so trostlosen Gedanken aufwachsen. Aber das ist nunmal die Entscheidung der Eltern.
    Trotzdem darf ich das schade finden.

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