Anerkennung, und weiter?

Balsam für die Seele, Lohn für die Mühe, Bestätigung.
Bekommen wir jemals genug von ihr, der Anerkennung anderer?

Ein kalter Novembermorgen. Eigentlich war ihr überhaupt nicht nach Laufen zumute gewesen. Der innere Schweinehund wollte im Bett bleiben. Dennoch trieb sie nun Schritt für Schritt ihre Beine über den Asphalt. Die Musik in ihren Ohren machte sie taub für ihr Umfeld – leider nicht für ihre Gedanken.
„Körperliche Fitness ist das A und O“, sagte sie sich im Takt.
Gerade gestern auf der Cocktailparty hatte es wieder einmal Komplimente geregnet. Sie und ihr fitter schöner Körper. Nach 3 Kindern: WOW!
Das war es doch wert, oder nicht?
Dennoch fühlte sich Anna nicht stark. Nicht euphorisch oder stolz. Jeder Schritt ätzte sie an.

Vorbei an Geschäften und Cafe’s stieg der Duft von frischem Kaffee in ihrer Nase.
Durch die Glasfront sah sie eine Familie beim Frühstück. Typisch für einen Sonntag.
Wie gerne würde sie Zeit dort verbringen, mit ihrer Familie in den Sonntag starten.
Hatte es ihr Mann doch etliche Male vorgeschlagen. Sein Kollege aus dem Büro war ganz begeistert von diesem Lokal. Immer wieder hatte sie abgelehnt. Auf der Suche nach Gründen fiel ihr nur ein einziger ein:
Passten Pfannkuchen und Croissants doch so schlecht in ihre Diät.
Ihren Dauerzustand. So oft hatte ihr Mann Lukas sich beklagt, wenn sie Einladungen zum Essen ausgeschlagen hatte. Man konnte auch anders Zeit verbringen, man musste sich nicht mit Fett und Zucker vollstopfen. Was aber, wenn man möchte? Wenn es genau das Richtige für genau diesen Zeitpunkt ist?
Was würde passieren, wenn sie aufhören würde, sich ständig zu Höchstleistung zu treiben? Sicher wurden die Komplimente weniger. Machte ihr das tatsächlich etwas aus?

Sie bog links ab, Richtung Feldrand. Sie stoppte. Schnaufend, die Pulsuhr meldete sich. Kein optimaler Fettverbrennungspuls. Langsam ging Anna weiter, sah die Sonne aufgehen über den eisigen Feldern. Sie lächelte. Tatsächlich dachte sie immer, ja, ihr ganzes Erwachsenenleben lang, dass sie kein Sklave der Anerkennung anderer sei. Selbstbewusst und stark, sie tat das ja alles nur für sich. Sonst für niemanden. Ein großer Irrtum! Wenn sie an die vielen Komplimente und Bekundungen über ihre Leistungen dachte, fühlte sie sich leer. Das müsste nicht so sein. Wäre es nicht schön, mit sich selbst zufriedener zu sein und die Anerkennung anderer als zusätzliche annehmen zu können? Ja! Nicht davon abhängig, dennoch erfreut? Ja!
Annas Weg führte sie zurück zum Cafe und den Pfannkuchen. „Zum Mitnehmen, bitte!“
Als sie Zuhause an die Tür klingelte, lachte Lukas: „Bist du es Schatz, oder der Lieferjunge, der sich in der Tür vertan hat?“ Er nahm ihr die Boxen ab und staunte, dass seine Anna die Karte des Cafes herauf und herunter bestellt hatte. Sie aßen auf dem Wohnzimmerfußboden. Im Hintergrund lief die „Sendung mit der Maus“. Sie sah in die fröhlichen Gesichter ihrer Kinder, wie an so vielen Tagen. Dennoch machte sie der Anblick heute noch glücklicher als sonst. Sie war zufrieden mit sich und der Welt. Es waren nicht nur die Pfannkuchen und die Zeit, die sie mit ihren Liebsten verbrachte, nein es war mehr.
Es war genau das, was sie in diesem Augenblick wollte. Keine Spur der Anerkennung war notwendig, um dies zu erkennen.

 


 

 

„Nun streng Dich doch endlich einmal mehr an, Junge“, raunte sein Vater, mit gerunzelter Stirn.
Dabei warf er die Seite des Buches zu, das er gerade gelesen hatte. Er nahm seine Brille von der Nase, verärgert und genervt. Bastian traute sich kaum aufzusehen, fühlte er sich doch selbst hundeelend. Er wusste, dass dieser Moment ihm bevor stand, als er die Korrektur seiner Hausarbeit von seinem Dozenten zurück erhalten hatte. Die Bilanz war niederschmetternd. Scheinbar hatte er nicht die Hälfte des Stoffes verstanden, beinahe das Thema verfehlt.

Er stand auf und blickte dennoch zögerlich in Richtung seines Vaters. Der stand mittlerweile am großen Fenster, den Blick nach draußen gerichtet. Sich die Stirn reibend, murmelnd. Als ob das etwas hätte ändern können. Als er den Hausflur betrat und die Stufen hinauf in seine Wohnung erklomm, wurde er wütend. Wütend auf seinen Dozenten, die Universität, das verflixte Thema jener Hausarbeit. Jedoch vor allem auf seinen Vater, den Vorzeigejuristen, Vorzeigevater, Vorzeigemensch! Die Wut brodelte geradezu in ihm, als er sich mit einem lauten Knall auf sein Sofa fallen ließ. Sein Vater, der nichts anderes wollte als endlich stolz auf ihn sein zu können. Einmal im Leben. Genügte das allein, um ihn so wütend zu machen?

Er verfing sich geradezu in der Vorstellung, wie er ihm ausbreitete, dass er das Jura-Studium abbrechen würde. Hatte er schließlich genug von alldem. Warum sollten alle Beteiligten weiterhin leiden? Sein ganzes Leben geprägt von diesem einen, seines Vaters Traum. Sein Sohn, der Jurist. Bastian lächelte bei der Vorstellung des Ausdrucks auf seinem Gesicht. In diesem Moment packte es ihn: Freute er sich nicht ein wenig zu sehr darüber? War er tatsächlich der getriebene Junge, dessen Zukunft auf die Anerkennung und den Respekt seines Vaters aufgebaut war?

Bastian saß nur da und überlegte, für eine lange Zeit.
Viele Momente ließ er in seiner Erinnerung Revue passieren. Zu seinem Erschrecken waren viele Momente dabei, in denen er hätte mehr leisten können, er sogar Freude daran gehabt hätte. Dennoch hatte er jene Momente vorbeiziehen lassen, Chancen ungenutzt, nur die Zeit abgesessen. Störrisch erwartet wie sein Vater wohl auf die dürftigen Leistungen reagieren würde, gewusst was kommt. Es akzeptiert, sogar darauf hin gearbeitet.

War ihm der gewählte Werdegang tatsächlich so zuwider oder war es die Anerkennung seines Vaters, die er absolut nicht wollte? Erdachte er Anerkennung doch immer als Lohn derer, die sich selbst nicht genug sind. Wollte er beweisen, dass er auch ohne jegliche Anerkennung stark und glücklich sein konnte, das nicht nötig hatte? Die Gedanken überschlugen sich förmlich in seinem Kopf, während eine Träne über seine Wangen lief. Er, der coole Kerl von nebenan, der die Anerkennung seines Vaters mit allen Kräften versucht, nicht zu erreichen. Er, der Jura eigentlich faszinierend findet. Das Lernen und die Vorlesungen immer interessant gefunden hatte.

Als er am nächsten Morgen aufstand und in den Sonnenaufgang blickte, war alles klar.
Die Nacht hatte alles rein gewaschen, seine Gedanken bestätigt.
Ab heute, ab sofort und an jedem Tag wollte Bastian genau das tun, was er gut konnte und was ihm Freude bereitete. Er wollte erfolgreich sein und die Freude über die eigene Leistung mit der Anerkennung anderer vereinen. Dachte er wirklich, er sein zu cool für ein wenig Anerkennung, den Stolz seines Vaters?
Er lächelte, „Ja, das ist wirklich das Lächerlichste, das ich je gehört habe.“

Jahre später, lange nach seinem Examen, als er gerade aus einem langen Meeting mit einem wichtigen Klienten kam, sah er seinen Vater in der Lobby sitzen. Als er ihn herbei laufen sah, blickte er von seinem Buch auf und ging auf ihn zu. Er umarmte ihn herzlich und klopfte ihm auf die Schulter: „Einen guten Klienten klar gemacht, mein Junge? Ich würde zwar gerne sagen ‚das habe ich immer gewusst, dass aus dir ein ausgezeichneter Anwalt wird ‚ aber das habe ich nicht. Ich habe immer gehofft, du tust das Richtige und das, was DICH glücklich macht.
Bist du denn glücklich, Bastian?“
„Ja Papa, und du darfst stolz auf mich sein.“

Sei mutig genug, deinen Weg ohne Anerkennung und Lob anderer zu gehen.
Sei nicht zu stolz, sie mit einem Lächeln anzunehmen.

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