Nein, so ein Mädchen bin ich nicht!

Als Tim und Lisa auf dem Heimweg nach der 6. Stunde waren,
bemerkte Lisa etwas an Tim, dem Jungen, den sie schon ihr ganzes Leben kannte.
Er wirkte verändert. Sie musterte ihn argwöhnisch.
„Was ist los, Schwachkopf?“ fragte sie und kniff ihn in die Seite.
„Nichts, du blöde Nuss, was soll schon sein?“ gab er lachend zurück, bemüht, nicht zu stolpern.
„Bist du etwa auch verliebt in sie, in Maria? Ich hab´ gesehen, wie ihr Jungs sie anseht“ bohrte Lisa weiter, während sie ihren Rock zurechtrückte.
„Nein, Maria interessiert mich nicht. Ganz ehrlich“, gab Tim mit einem breiten Lächeln zurück.
Den Rest des Weges gingen beide stumm nebeneinander her, beinahe im Gleichschritt.
Jedes Mal, wenn Tim vermeintlich zu Reden ansetzte, wurde Lisa ein wenig langsamer und sah ihn an. Er sagte jedoch nichts weiter. An ihrer Haustüre angekommen, verabschiedete er sich mit einem Nicken. Nichts weiter, ein Nicken.

,Nein, so ein Mädchen bin ich nicht!´ schrieb sie an diesem Abend in ihr Tagebuch, nichts weiter. Tagelang folgte kein weiterer Eintrag. Sie war beeindruckt von dem Mädchen, dass ein jeder mochte. Beeindruckt und voller Abneigung zugleich. ;Maria, das Mädchen, das mit allen lacht´, schrieb Lisa Wochen später in ihr Tagebuch.

Der Club bebte, die Menschen auf der Tanzfläche rasteten förmlich aus. Lisa war mit Sophie gekommen, eine ihrer Kommilitoninnen. Nur hatte sie Sophie schon seit mindestens zwei Stunden nicht gesehen. Wo steckte sie nur? Hinter der Tanzfläche, im Raucherbereich, glaubte Lisa Sophie ausgemacht zu haben. Kein Mädchen konnte so grazil und dennoch verführerisch tanzen.
Als sie näherkam, erkannte sie, dass sie recht gehabt hatte. Dort war sie, tanzend, laut lachend, als würde sie mit der Musik tanzen und gegen sie ankämpfen.
„Lisa, Lisa, komm her! Ich muss dir jemanden vorstellen!“ rief sie, als sie Lisa im Getümmel entdeckte. Ihr wildes Gestikulieren sollte einladend wirken.
„Ja, hier bin ich“, sagte Lisa. Sophie zog einen jungen Mann am Arm an sie heran, drückte ihn und gab ihm ein Küsschen auf die Wange, als sie brüllte: „Das ist Ben, dieser nette junge Mann ist Ben.“ Lisa wartete auf die Pointe des Satzes, vergebens. So, das war also Ben. Schon war Sophie wieder in ihrem Element. Sie hob ihr Glas, sie wippte, sie nickte, sie lachte. Ein Zwinkern in ihre Richtung verriet Lisa, dass sie es ihr gleichtun sollte. Lisa wippte.
Während sie im Taxi nach Hause saß, dachte Lisa über Sophie nach. Sie bewunderte sie ganz aufrichtig, gleichzeitig empfand sie eine Art von Abneigung. Warum nur? Fühlte sie sich so überlegen, dass sie nicht umhinkonnte, Mädchen zu klassifizieren, sie zu bewerten? Das war nicht in Ordnung. Absolut nicht. Dennoch, sie war nicht „so ein Mädchen“.

Es war ein erfolgreicher Tag für Lisa gewesen. Gleich zwei ihrer Artikel waren in der Zeitung, für die sie arbeitete, auf Seite eins erschienen. Die Kollegen überhäuften sie mit Komplimenten. Lisa war sichtlich stolz, sie freute sich über all die Komplimente. Über jedes liebe Wort, über die Aufmerksamkeit. Als sie spät abends im Bett lag, überlegte sie, was sie in ihr Tagebuch schreiben würde, wenn sie es denn noch führen würde. All die Jahre hatte sie sich gesagt, was für „ein Mädchen“ sie nicht sein wollte. Nun fragte sie sich: ‚Was für ein Mädchen möchte ich denn stattdessen sein?‘ Sie betrachtete die leuchtenden Sterne an ihrer Schlafzimmerdecke, und auch wenn sie es albern fand, dass ihr Vater sie für sie angebracht hatte, liebte sie sie dennoch.
Waren sie doch ein Teil ihrer Kindheit, ein Stück zu Hause, weitab von zu Hause.
Lisa fiel in einen tiefen Schlaf und wurde durch die Klingel ihrer Tür geweckt. Erschrocken fuhr sie auf. Es musste etwas Furchtbares passiert sein! Warum sonst klingelte jemand am frühen Sonntagmorgen, auch noch ohne vorher anzurufen? Sie warf sich ihren Morgenmantel über die Schulter und rannte zur Sprechanlage: „Ja, ja, hallo, wer ist da?“ fragte sie aufgeregt. Stille. „Hallo?“ fragte sie ein weiteres Mal. Als erneut keine Antwort kam, legte Lisa den Hörer der Sprechanlage auf und ging zurück ins Bett. Wohl ein paar früh ausgeschlafene Kinder, die ihren Spaß an Klingelstreichen hatten.
Später an diesem Tag, als sie gerade daran war, eine Runde Laufen zu gehen, stolperte sie über einen dicken Briefumschlag auf ihrer Türschwelle. Auf den Schock folgte Skepsis. Lisa beäugte das kleine Paket, auf dem in Großbuchstaben nichts als ihr Name stand, mit Misstrauen. Sie schüttelte den Umschlag, versuchte zu ertasten, was darin war.
Es fühlte sich an, als sei tatsächlich nichts Anderes darin als Papier. Vorsichtig öffnete sie den Umschlag. Zu ihrer Überraschung war darin eine Ausgabe der Zeitung mit ihren Artikeln. Beide waren mit dickem Rotstift eingerahmt. Darunter eine Notiz:

Nein, Du bist und warst nie „ein solches Mädchen“.
Du musstest die Frau werden, die Du heute bist.
In Liebe,
Dein Tim

PS: Maria fand ich nie gut! Ruf an, ich bin nämlich auch kein „solcher Kerl“!

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