Wer bin ich? (Teil 2)

Nachdem ich den Schock akzeptiert hatte, denn von Überwindung lässt sich hier nicht sprechen, sah ich mich erneut um. Ich konnte Wasser riechen. Warte, ich konnte Wasser riechen!? Geduckt ging ich auf vier Pfoten der Fährte nach, bis ich am Ufer eines Sees stand. Ich wusste, würde ich zum Wasser gehen, würde ich das ganze Ausmaß meiner Verwandlung sehen. Wollte ich das? Konnte ich das verkraften? In meinen Zeiten als Mensch, dachte ich, hätte ich an solch einem Zeitpunkt erst einmal ein Nickerchen gemacht. Das schien mir nun keine gute Lösung zu sein, also ging ich langsam auf das klare Nass zu. Ich schloss die Augen, so, als ob das den Moment hätte verschönern können und beugte mich nach vorne. Als ich sie öffnete, staunte ich nicht schlecht. Ein majestätischer Anblick, ich wollte mich kneifen um zu überprüfen, ob ich träumte. Mit Pfoten lässt es sich nicht kneifen. Ich betrachtete mich von allen Seiten, animalisch, groß und stark sah ich aus. War ich es auch?
Wer bin ich? In dieser Nacht, die das Ende meines miserablen Lebens als Mensch bedeutete, wurde ich wortwörtlich zum Tier. Dem Tier! Einem Wolf.
Mein Fell war weiß und strahlend, strahlend wie meine wachen grünen Augen.
Ich setzte mich zurück, betrachtete erneut meine Pfoten, die tatsächlich riesige Pranken waren. ‚Nicht schlecht‘, dachte ich.

Tage nach meiner Verwandlung war ich noch immer damit beschäftigt, alle Reize, die ich nun wahrnahm, einzuordnen. Ich schlief, und ich jagte. Leider waren es bisher nur kleine Hasen und Eichhörnchen, denen ich den Garaus machte. Dass mein Mitleid quasi verschwunden war, machte es einfacher. Dennoch war ich ein Fan des schnellen Todes meiner Opfer. Die Abneigung Folter gegenüber, hatte ich also auch als Wolf nicht abgelegt. Sollte man nicht meinen, ein Mensch, der plötzlich zum Wolf wird, würde sich mit Gedanken an seine Hinterbliebenen grämen, sein Leben vermissen? Sollte man. Das galt aber nicht für mich. Ich fühlte mich gesegnet. Hatte mein altes Leben abgestreift, nachdem ich mein fabelhaftes neues Äußeres im Spiegelbild des Sees gesehen hatte. Ich liebte es, ein Wolf zu sein, verdammt noch mal!

Plötzlich hatte ich ungeahnte Kraft, ich war schnell, ich war schön. Wer auch immer mich zu dem gemacht hatte, was ich nun war, verdiente meinen Dank. Ich hätte schließlich auch ein Regenwurm werden können, nicht?

Auf meinem täglichen Streifzug durch die Wälder hielt ich Ausschau nach anderen Wölfen, konnte aber keine ausfindig machen. Ob ich mich als Wolf sozialisieren könnte, wo ich als Mensch so eine Niete darin gewesen war? Zumindest wollte ich es versuchen.
Was war ich genau? War ich ein echter Wolf? Gab es mehr von meiner Art?
Versager, die einen armseligen Tod fanden, um dann als etwas Neues, Schönes, wiederzukehren? Es wurde Nacht. Der Mond war voll, und als ich so dalag, dachte ich an die Geschichten über Werwölfe. Würde ich mich nun, beim Vollmond, zum Menschen verwandeln? Für nur eine Nacht? Mit diesem Gedanken sank ich in einen tiefen Schlaf.

Alles stand auf dem Kopf, und als ich versuchte auszumachen, wo ich war, schien es, als stünde der Himmel in Flammen. Ein Feuer brannte lichterloh, die Hitze, beinahe schmerzhaft, drang tief in mich ein. Ich hörte Stimmen, vor Erschöpfung schloss ich meine Augen wieder und lauschte:

„Was machen wir mit ihm, Jungs? Ich meine, wir könnten ihn sterben lassen, den wird ohnehin niemand vermissen“, hörte ich eine tiefe Stimme sagen, der Bass der ihr mitschwang, klang bedrohlich und sanft zugleich.
„Ich habe ihn beobachtet, diesen Trottel, als er mitten ins Moor lief und nicht wusste, wie ihm geschah“, mischte sich eine weitere Stimme ins Gespräch ein. Eine dritte Stimme trug nur mit hämischem Gelächter zur Unterhaltung bei. „Der Boss wird damit nicht einverstanden sein, wir hätten ihn überhaupt nicht retten sollen. Jetzt haben wir den Salat.“

Ich war mir nicht sicher, was ich nun tun sollte. Zum Weglaufen war ich wirklich zu schwach. Wenn ich nur etwas sehen könnte. Als ich in das Rot des Feuers blinzelte, erschien plötzlich eine Fratze, direkt über mir. Es war die tiefe Stimme: „Na, wach, Kumpel?“
„Bin ich tot? In der Hölle?“ fragte ich.
„Nein, kleiner Freund, aber beinahe.“
Sein Gesicht war schwarz, ähnlich eines Totenschädels, Augen konnte ich keine erkennen.
Ich wagte nicht mich zu bewegen, doch dann fühlte ich etwas, das mich in die Höhe zog. Eine unsichtbare Bewegung, die mich mit aller Kraft dazu zwang, mich aufzusetzen.
Die Gestalt direkt neben mir lächelte zufrieden. Als ich mich nun endlich umsah, erkannte ich, dass ich mitten im Wald war. Die Gestalt neben mir folgte jeder meiner Bewegungen, wie ein Standbild vor meinen Augen. Sein totenkopfartiger Schädel schien zu schweben, sein Körper nur dunkler Rauch. Ein rasselndes Husten entfuhr mir und ich war mir nicht sicher, ob ich je wieder atmen könnte. Es fühlte sich an, als verfestigte sich etwas in meinen Lungen.
„Sprich, Junge! Wie würdest du gerne sterben?“, sagte die Stimme neben mir.
Ich zögerte, weil ich tatsächlich nachdachte, dann sagte ich: „Am besten überhaupt nicht?“

Ein tiefes Grunzen, gefolgt von Lachen entfuhr der Gestalt neben mir.
„Hör mal, wir haben dich nicht gerettet, um dir das Leben zu retten.“ sprach er, als wäre dies das Logischste auf der Welt.
„Das macht irgendwie keinen Sinn, wisst ihr?“ sagte ich.
In einer kurzen Sekunde der Stille, in der ich erneut darüber nachdachte, wie ich gerne sterben wollte, bemerkte ich, dass die Gestalt neben mir verschwunden war. Das Feuer erlosch schlagartig. Dort saß ich nun in totaler Dunkelheit. Minuten vergingen und ich merkte, wie sich mir erneut die Kehle zuschnürte. Blut rann aus meiner Nase und meinem Mund, ich war gänzlich mit der schwarzen Masse bedeckt, in der ich beinahe ertrunken war.

Plötzlich stieg grüner Nebel vom Boden auf, ein ohrenbetäubendes Geräusch ging mir durch Mark und Bein. Wie ein Donner, der nicht enden wollte. Ich wurde umgeworfen, lag auf dem Rücken und sah plötzlich alle drei Gestalten direkt über mir. Sie schwebten.

„Lass uns ein Spiel spielen, bitte, dürfen wir? Geben wir ihm eine letzte Chance, weiter zu leben“, sagte eine der Fratzen. Hätten sie Augen gehabt, so hätten die beiden anderen diese sicher verdreht. „Gut, Ned, wie du willst. Lass uns spielen, aber du erklärst ihm die Regeln“, sagte die tiefe Stimme.
„Halt, Moment Mal!“ sagte ich und hob die Hand, was mir außerordentlich schwerfiel.
Nach einem weiteren Hustenanfall und noch mehr dunkelrotem Blut, das aus meiner Nase kam, sprach ich weiter: „Wer seid Ihr, verdammt noch mal? Was für ein Spiel? Und ernsthaft, dein Name ist Ned?“ Ich lachte, so gut ich konnte, nur um erneut vom Husten ergriffen zu werden. Ich war mir ohnehin nicht sicher, ob Sarkasmus in diesem Moment angebracht war.

Die schrille Stimme, die Fratze links von mir, sprach: „Ja, ich bin Ned. Das sind Tony und Karl. Was ist daran so witzig, du Bastard?“
„Ned krieg dich wieder ein Mann, lass dem Jungen den kleinen Spaß. Es wird wahrscheinlich sein Letzter sein“, sagte die Fratze in der Mitte. „Wir sind Moorgeister, über uns schreibt die Menschheit keine Novellen. Dabei sind wir richtig coole Typen. Das Spiel, das wir spielen, könnte dich vorm sicheren Tod bewahren, oder auch nicht. Spielst du aber nicht, stirbst du ja sowieso. Klingt also fair, nicht wahr?“
„Geister, ach so. Ja, natürlich. Darauf hätte ich wirklich selbst kommen können“, gab ich mit dem bisschen Sarkasmus, der mir noch geblieben war, zurück. „Warum habt ihr mich überhaupt aus dem Moor gezogen?“
„Junge, du stellst zu viele Fragen Du beginnst nervig zu werden, das können wir gar nicht leiden“, sprach nun auch die Fratze rechts vor meinem Gesicht und machte eine abwehrende Kopfbewegung.
„Hör zu“, sprach die tiefe Stimme, „Wir sind für die Ordnung im Moor zuständig, Leichen machen sich da nicht so gut. Wir hätten dich also auf keinen Fall dort sterben lassen können. Sterben musst du schon woanders. Wo wir auch bei den Spielregeln wären:
Du hast nur eine Chance, überhaupt weiterzuleben. Wir beschwören einen Zauber, der dich entweder verwandelt und lebensfähig macht oder dich schlussendlich tötet. Was passiert, wissen wir selbst nicht genau. Das kann man nicht vorhersagen. Verwandelst du dich aber nicht, so wird dein Tod langsam und qualvoll. Auch in was du dich verwandelst, entscheidet sich erst, sobald der Zauber wirkt. Du wirst aber auf keinen Fall je wieder ein Mensch sein. Zur Wahl steht also:
a) Ein schneller Tod, gleich hier vor Ort: Deine Erlösung.
b) Du schlägst ein, wir spielen. Der Jackpot ist die Verwandlung, die Niete dein grausamer Tod. Bist du dabei, Kumpel?“

Die Drei sahen mich erwartungsvoll an. Mein ganzes Leben war ich ein Feigling gewesen, war ich jetzt bereit etwas zu wagen?

Ich war:
„Worauf wartet ihr also noch, ihr eingerosteten Geistertypen? Auf die Ghostbusters?“

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