Strahlende Wünsche und dunkle Wolken

Darf man sich den eigenen Tod wünschen?

Fragte er sich vor dem Fenster stehend, seine Familie fest im Blick. Lachend bewarfen sie sich mit Schneebällen. Karla quietschte vor Freude. Daniel und Nele, ihr Hund, wälzten sich im weißen Puder. Alles begleitet vom engelsgleichen Lachen seiner Frau. Die sich sehr bemühte, Fotos von der Bande zu schießen. Ihr Smartphone war schon mehr als viermal im Schnee gelandet.

Als hätte Anna seine Gedanken gehört, wandte sie sich ihm zu. Winkend, „Komm nach draußen, du Workaholic.“ Er lächelte sanft. Schüttelte den Kopf. Zeigte auf den aufgeklappten Laptop vor ihm. Dabei arbeitete er eigentlich gar nicht. Er war zu traurig, zu groß die dunklen Wolken in seinem Kopf, um mit ihnen Spaß zu haben. Liebte und hasste er diese dunklen Momente doch gleichermaßen. Er konnte nicht von ihnen ablassen.
Ob er jemals an Selbstmord gedacht hatte? Selbstverständlich.
Würde er den Schritt auch gehen? Niemals. Hoffte er.
Jeden Tag stellte er sich dieselbe Frage: War es in Ordnung sich zu wünschen, neben seiner wunderschönen Frau einzuschlafen und einfach nicht mehr aufzuwachen?

Er liebte sie alle, von ganzem Herzen. Hatte in seinem Leben alles erreicht, Höhen und Tiefen überstanden. Menschliches Dasein eben. Ein Gutes.
Der Grund für seine Gedanken war nicht erklärbar, wusste er doch schon lange, dass er krank war. Die schwarzen Wolken kamen ganz plötzlich. Würden sie größer werden? Auch in das Leben seiner Liebsten Einzug halten, sie erfassen?
Ganz plötzlich wurde es dunkel um ihn. Beinahe konnte er sehen, wie dunkle Schatten die Wand hochkrochen, auch in Momenten, in denen er sich am glücklichsten schätzte. Sich in Sicherheit fühlte. Lange gelang es ihm die Gedanken aufzuhalten, den Zug in seinem Kopf auszubremsen. Gerne stellte er sich dann vor, wie er in einem vollbesetzten Zug die Notbremse zog. Das rote Teil, an der Tür. Der Zug kam mit einem lauten Reißen auf den Gleisen und lauten Schreien der Passagiere zum Stehen. Er atmete tief.

Irgendwann funktionierte diese Vorstellung nicht mehr. Die Schatten wurden aggressiver, gieriger. Jede Attacke endete irgendwann und er war überzeugt, dass niemand außer Anna etwas bemerkte. Er spielte seinen Part gut, wie es schien. Vor seiner Frau jedoch, konnte er es nicht verbergen. War es doch Teil der Dynamik in ihrer Beziehung, dass sie alles miteinander teilten. Nicht erzwungen, das war ein ganz natürlicher Kreislauf zwischen ihnen. Vom ersten Moment an war es so gewesen.

Gespielt auffallend klappte er den Laptop zu und breitete seine Arme aus, in Richtung seiner Frau, die vor der Terrassentür stand und nun Grimassen schnitt. Mit wackeligen Knien ging er zur Tür, öffnete sie und umarmte sie. Sie war kalt vom Schnee, schob ihre kalten Hände unter sein Shirt.
Vor Schreck sog er Luft ein, lachte dann aber.
„Ich muss mit dir reden, mein Schatz“, sagte er und gab ihr einen Kuss auf den Mund.
Anna lächelte nicht, sie blickte zu Boden. „Ja, das musst du, ich weiß.“

Der Abend ging zu Ende und als die Kinder im Bett waren, saßen sich Anna und Leonard auf dem Sofa gegenüber. Sie hatte beide Hände in die seinen gelegt und sah ihn erwartungsvoll an.
„Anna, mein Schatz, ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“
„Lass mich anfangen, Leo, lass mich das für dich tun“, sagte sie ruhig.
„Ich habe bemerkt, dass etwas anders ist. Nicht erst seit Kurzem. Am Anfang habe ich befürchtet du liebst mich nicht mehr.“ Leonards Augen füllten sich unwillkürlich mit Tränen, als sie das aussprach. „Ich könnte nie…“ setzte er an. „Leo, ich weiß, mein Schatz, ich weiß.“
„Die Dunkelheit, die dich umgibt, ich kann sie spüren. Ich sehe sie in deinen Augen, beinahe jeden Tag. An den Tagen ohne sie, ist es die Angst davor, die ich sehen kann.“
„Warum hast du nie etwas gesagt, Anna?“ gab er unsicher zurück.
„Weil ich wollte, dass du bereit bist. Bereit darüber zu reden. Ich wünschte so sehr, dass es bald so weit wäre, denn mir war bewusst, dass dich etwas quält. Es dich zermürbt und du dir jedes Mal aufs Neue die Frage stellst, warum du so unglücklich bist, wenn du doch so glücklich bist.“

Leo wusste nicht, was er noch sagen könnte. Ja, sie hatte all seine Ängste und Gefühle erfasst, ohne dass er jemals darüber hätte reden müssen. Er griff ihre Hand, zog sie an seine Brust. Auf sein Herz. Sie lächelte ihr bezauberndes Lächeln, dieses immer sanfte und doch betörende Lächeln.
Er war glücklich, sie vervollständigte ihn mit jedem ihrer ruhigen Atemzüge. Nur mit ihrem Dasein.

An diesem Tag kam keine Erleuchtung. Keine plötzliche Lösung, ein Happyend aus purer Liebe. Die Wolken kamen wieder, immer wieder. Sie wurden größer und sie wurden wieder kleiner. Eine Zeitlang verschwanden sie komplett, nur um dann noch härter zurückzuschlagen. Doch die Schuld, die war nicht mehr da. Er wusste, dass sie es wusste, dass er ein „Glücklicher Unglücklicher“ war.
Sie und ihr gemeinsames Leben, das Leben ihrer Kinder, ihn glücklich machten. Trotz der dunklen Wolken.

Die Antwort auf die Frage, die er sich täglich stellte, ist:

Ja, man darf den eigenen Tod begehren. Verschwende aber keinen Wunsch darauf, nein, niemals!
Nicht, weil alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen, sondern weil sie zu wertvoll sind, um daran vergeben zu werden.

Die Dunkelheit ist nicht weniger da, indem man die Augen vor ihr verschließt, sie erfasst uns. Diese Momente sollten honoriert werden, jedoch gleich auf mit denen, in denen wir uns das Leben so sehr wünschen. Wir mehr wollen.
Wenngleich wir es nicht immer lieben können, können wir doch die Menschen darin lieben und diese uns. Wenn wir sie lassen, inklusive dunkler Wolken und strahlender Momente.

Hier ist kein Platz für Schuldgefühle: Niemals. Es bist nicht du, es sind die dunklen Wolken. Was nicht heißt, dass du jemals aufhören solltest zu kämpfen.

 

Foto

Quelle: http://piqs.de/fotos/73862.html

Fotograf: B. Sauter

 

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