Feuer

Mitten in der Nacht, der Feueralarm in meiner Wohnung reißt mich aus dem Tiefschlaf.
Ich renne, ich springe, hinauf auf den Sessel, der unter dem Rauchmelder steht.
Drücke auf „RESET“, die Taste zeigt keinerlei Reaktion, mein linkes Ohr fühlt sich taub an.
Das gefühlt hundertste Drücken: AUS. Endlich.

Ich sehe mich erst danach um: Alles in Ordnung.
Wie kann es mein erster Impuls sein, den RESET-Schalter zu drücken, sollte der schrille Ton mir doch das Leben retten und auf einen Brand hinweisen?
Starrend in die Dunkelheit, überlege ich, ob diese Frage die Gedanken wert ist.
Sind wir so abgeklärt, dass wir die Möglichkeit, dass dieses Mal etwas anders sein könnte, gar nicht in Betracht ziehen?

Gibt es den Hinweis auf Feuer in unserem Leben und sind wir so programmiert, dass wir automatisch nach dem RESET-Schalter greifen? Wie oft habe ich derartige Situationen bereits erlebt oder mit angesehen?

Der übergangene Schlaganfall ist sicher nur eine Migräneattacke. Ereilt ja schließlich beinahe jeden irgendwann im Leben.
Besser nicht zu früh den Krankenwagen rufen, das tut man einfach nicht. Das wird schon wieder.
Im Zweifelsfall war dies dann die erste und letzte Migräneattacke. Wer hätte schon ahnen können, dass es ein Schlaganfall war?

Die verpasste Chance, sich bei der Firma vorzustellen, deren Jobprofil eben nicht zu 100 %, eher zu 75 % auf Dich zutraf. Der Kollege aus der Versandabteilung, der es trotzdem wagte, mit nur 50 %. Den Job hat er nicht bekommen, jedoch einen besseren.

Die Liebe unseres Lebens, in Asche erstickt. Zu kompliziert, der Zeitpunkt absolut nicht richtig.
Wolltest Du nicht zuerst dein Diplom in der Tasche haben, 1.000 Bücher gelesen und einmal um die Welt gereist sein? War es diese „Nur Dich für immer“-Liebe, von der alle erzählen?
Das hat dir Angst gemacht, sehr verständlich. Nun macht es dir Angst, während du deine Nase in dein Buch steckst, mit diesem „Jemand“ am Flughafen in Peking sitzt, den du zwar schätzt, jedoch nicht liebst. Du verbannst die Gedanken schnell, der RESET-Knopf will nicht richtig reagieren.

Deine aller letzte Chance, einem geliebten Menschen zu sagen, dass du ihn liebst.
Dachtest du, wir leben ewig?
Mit vielen weiteren Chancen hast du gerechnet, dachtest nicht, dass es so ernst wäre. Morgen hätte es auf dem Weg gelegen, das Krankenhaus.
Perfekt zwischen deiner Verabredung zum Kaffee. Du hast schon so oft abgesagt, es deiner Freundin versprochen. Danach deine Lerngruppe, um dein Uniprojekt voranzubringen.
Nichts davon unwichtig oder gar selbstsüchtig. Nicht auf den ersten Blick.
Schmerzt es Dich, zu wissen, dass dieser Mensch seine Augen für immer geschlossen, „Lebe Wohl“ zur Welt sagte, dich vermisst hat? Bringt es Dich zum Weinen, unterwegs ins Bestattungsinstitut, welches so gar nicht auf deinem Weg liegt?

Jeden Tag umgibst du dich mit Gedanken um deinen großen Traum. Du zögerst, hast Angst.
Andere könnten dich einen Träumer nennen. Schon wieder!
Bin ich wirklich gut genug? Wahrscheinlich bin ich einfach zu überheblich. Es gibt Tausende mit deinem Können. Nur haben jene tausend, die du kennst, ihren Traum nicht im Keim erstickt.
Zögern ist erlaubt, Angst und Unsicherheit sind erlaubt. Das Feuer zu ignorieren, bevor du überhaupt gesehen hast wie, und ob es brennt, genau, das ist absolut verboten!

Tue Dir selbst den Gefallen:
Wenn der Alarm losgeht, sieh wenigstens nach, ob dort Feuer ist.

 

Bild
Fotograf: Peter Röben
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Quelle: http://piqs.de

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